Von Gudrum Pauksch ©
Schon seit 10 Jahren reise ich nach Rumänien. Diese Reisen sind für mich immer
wieder eine Insel im Alltag und jedes Jahr freue ich mich schon Monate vorher
auf die Tour.
Oft liege ich schon Wochen vor der Reise den ganzen Abend auf dem Teppich
unseres Wohnzimmers vor der Rumänienkarte und plane die Route, rechne Kilometer aus und überlege wie viel Zeit ich
für was benötige und schreibe alles säuberlich auf Zettel und Listen und ärgere
mich, dass die mir zur Verfügung stehende Zeit viel zu kurz ist. In Rumänien
gibt es so viel zu sehen und zu erleben!
Nach ein paar Tagen telefoniere ich mit meinen Freunden
aus der Rumänienszene, die mir ganz tolle Reisetipps geben und mir versichern, dass
ich, wenn ich schon mal da bin auch noch unbedingt die Orte XY und erst recht Z
ansehen müsste. Dazu werden mir dann per Mail Fotos geschickt und Reiseberichte
empfohlen und ich wankelmütiges Weib komme so richtig ins Wanken und ändere meine Reisepläne und dann
die Änderungen und auch noch einmal die Änderungen der Änderungen und am Ende
fahre ich dann fast ohne Plan, aber mit vielen Ideen los.
Anders in diesem Jahr!
In diesem Jahr war meine Reise nach Rumänien etwas besonderes, denn
irgendwann im Januar teilte mir mein
Mann Thomas mit, dass er nun auch mal
mit nach Rumänien fahren möchte. Ab dem Augenblick dieser Offenbarung
lastete auf mir eine Riesenverantwortung, denn 1992 war unsere Familie schon
einmal nach Rumänien gereist und diese
Reise endete mit einer 14 Jahre währenden Rumänienallergie bei meinem Mann.
Tja, so ist das mit Rumänien. Die einen werden süchtig (ICH)und die anderen allergisch (ER).
Ich schrieb mir also auf die Fahnen meinem Thomas in unserem 3-wöchigen Urlaub
nur das schönste und beste Rumäniens zu zeigen, ihn mit zu meinen liebsten
Bekannten zu nehmen und dafür zu sorgen, dass er eine richtig schöne Zeit in
meinem Lieblingsland hat. Also beriet
ich mich besonders ausführlich mit
meinen Freunden und arbeitete einen
schönen Plan aus. Urlaubsreif und
aufgeregt fieberte ich dem 22.09.2006
- unserem Abreisetag - entgegen, so wie
ein verdurstender Wüstendurchquerer sich nach einer Oase sehnt!
Freitag, den 22.09.2006
Endlich war es soweit. Zuerst ging es noch am Vormittag zur Arbeit ins Amt, denn Rumäniensüchtige haben IMMER zu wenige Urlaubstage.
Mein Mann bepackte unterdessen das Auto mit all den Kisten und Sachen die ich als Geschenke für Freunde und zufällig Bekannte und die Kinder der Stiftung, die wir seit einem Jahr unterstützen, gesammelt habe. Natürlich ist jeder Quadratzentimeter freier Platz in einem Auto das nach Rumänien fährt verschwendeter Raum. Auch wenn es unterdessen vor Ort alles zu kaufen gibt in Städten mit großen Einkaufszentren und Ladenketten die man hier in Deutschland auch findet. Selbst das Futter von MC Donalds breitet sich in Rumänien aus wie der süße Brei im Märchen. Trotzdem finde ich es schön Überraschungen und kleine Geschenke dabei zu haben und diese zu verteilen.
Punkt
15 Uhr verabschiedeten wir uns von unserem Sohn Wilhelm, dessen Kumpel
etwas zu zeitig an unserer Haustür aufgetaucht war und mit dem schon Pläne für
die Nutzung der sturmfreien Bude geschmiedet wurden.
Bis zur Grenze nach Zinnwald waren es genau 172 km. Über Prag, Brno und
Bratislava ging es bis zum Hotel "M1 83" vor Budapest. Besonders der
Verkehr in Tschechien war zäh und
zermürbend und wir verkürzten uns die
Zeit mit dem Analysieren der seltsamen Fahrweise der Tschechen, die prinzipiell nur links
fahren und völlig unerklärlich auf offener freier Straße immer wieder bremsen.
Thomas hielt tapfer hinter dem Lenkrad durch und ca. 0.30 Uhr nahmen wir uns
ein einfaches Zimmer direkt an der
Autobahn für 35 Euro/ Nacht. Nach einem
Bier bzw. Wein schliefen wir begleitet von den Geräuschen die so ein
verkehrsgünstig gelegenes Autobahnhotel mit sich bringt doch irgendwann ein.
Zu
erwähnen ist noch, dass wir folgende Vignetten kaufen und unsere
Vorderscheibe damit bekleben durften
CZ 12 Euro (1 Monat gültig)
SK 11 Euro (1 Monat gültig)
H 21 Euro (1 Monat gültig)
Zweiter Tag
Samstag, 23.09.2006
Die Nacht war laut und unruhig, weil unser Zimmerfenster direkt zur Autobahn
lag. Ich zählte die vorbeifahrenden LKWs wie sonst Schäfchen oder Pusteblumen
auf einer Frühlingswiese und muss wohl tatsächlich irgendwann eingeschlafen
sein, denn am Morgen wachte ich schließlich auch auf.
7.45 Uhr gab es Frühstück und unproblematisch und irgendwie immer geradeaus
ging es durch Ungarn bis nach Cernad, wo wir um 12 Uhr Mitteleuropäische Zeit
die Grenze nach Rumänien passierten.
Was die anderen Länder können, können die Rumänen schon lange und so gibt es
seit 2 oder 3 Jahren auch in Rumänien eine Vignettenpflicht. Und weil die
Rumänen, wie ein Freund sehr treffend und drastisch auszudrücken pflegt immer gleich 2 Paar Eier haben, gilt diese
Vignettenpflicht nicht nur für die Autobahnen, sondern für ALLE Straßen im
Land. Diese Tatsache ist ja schon süß,
aber noch süßer finde ich, dass man diese Vignetten gar nicht so einfach zu
kaufen bekommt. Da Thomas und ich doch sehr DEUTSCH sind und wir das
Vignettenkaufen seit dem Vorabend sozusagen im Blut hatten, stürzten wir
sofort in die erste Tankstelle auf
rumänischen Boden und bekamen dort zu
hören, dass keine Vignetten vorrätig sind. Die Hersteller hätten Probleme mit
dem Papier! (Ob das der Wahrheit
entspricht ist zu bezweifeln, wahrscheinlich sollte es eine Art Notlüge sein).
Auch in der nächsten und übernächsten Tanke gab es die bunten Aufkleber nicht.
Für uns - nun schon seit mehr als 17 Jahren WESSIs - ein seltsames Gefühl,
etwas was man UNBEDINGT braucht einfach nicht zu bekommen. So hatten wir lange Zeit während unserer
Urlaubsreise Reise dieses kribblige Gefühl etwas Unrechtes zu tun bzw. etwas
Rechtes nicht getan zu haben. Irgendwann erklärte uns schließlich jemand, dass
es nur darauf ankommt bei der Ausreise eine Vignette vorzeigen zu können und ab da nahmen wir die
"Sache" gelassener.
In Cernad, praktisch dem ersten rumänischen Ort tauschten wir in einer
auf einem Hinterhof befindlichen (offiziellen) Wechselstube Euro
in Lei (1:35.000).
Seit ca. einem Jahr ist auch das mit dem Geld in Rumänien gar nicht mehr so
einfach. Es gibt zur Zeit neue
rumänische Lei und alte rumänische Lei. Bei den
neuen wurden einfach 4 Stellen der alten Lei weggestrichen. Das finde ich
Klasse, denn die Umrechnerei wird so viel einfacher. Die Rumänen hängen
aber an ihren Nullen und so werden sämtliche Geldgeschäfte für einen nicht so
an viele Nullen gewöhnten Ausländer doch recht unübersichtlich.
Unser Plan war heute bis nach Vladimirescu (bei Arad) zu fahren, wo uns unsere
Freunde Aurelia und Bernhard erwarteten. Über Sannicolaumare und Lovrin fuhren
wir nach Periam. Bernhard hatte mir den Tipp gegeben, dass es da
eine alte Hutfabrik gibt, die man wohl auch besichtigen könne. Ich liebe Hüte
und auch Hutmacher. Leider sind Hüte
selbst in Rumänien ein bisschen aus der Mode gekommen, denn die Fabrik
war wegen schlechter Auftragslage geschlossen. Als wir auf dem Werksgelände
stöberten und dabei einige Türen
öffneten, rief uns eine nette dralle
Frau im großgeblümten luftigen
Perlonkleidchen zu sich. Sie erzählte, dass das Werk seit 1.8.2006
geschlossen wäre und zunächst die Hüte auf Lager verkauft werden.
Wenn sich die schwierige Lage auf dem Hutmarkt wieder bessert, soll die
Produktion weiter gehen. Leider hatte auch das zum Werk gehörige Hutgeschäft
geschlossen. Es war ja auch Sonntag.
Etwas enttäuscht fuhren wir
weiter und ich hatte Gelegenheit Thomas erste
Kommentare über das was so an unserer Autoscheibe vorbei zog zu hören.
In den vergangen Jahren war ich mit einigen Rumänienfreunden unterwegs, mit
Haiko Kühne, Michael Horn und Ronny Müller und auch mit Karpatenwilli. Manche
meiner Reisebegleiter arbeiteten regelrecht während des Urlaubs und
recherchierten, erkundeten, saugten Informationen auf und andere passten sich
dem Schritt und Tritt und dem Rhythmus des Landes an und ließen sich treiben.
Jedem fallen andere Dinge ins Auge und jeder hat einen anderen Blickwinkel. Der
eine sucht die besonderen Gesichter für Fotos oder skurrile Gegenstände, der
andere schaut in die Natur und der nächste auf die Kultur. Mein Mann ist ein
richtiger Techniker und so war er während der Reise von Anfang an über die
diversen technischen (Not)lösungen der Rumänen bei der Bewältigung der
Knappheit (oder des Schwunds) von sämtlichen technischen Teilen und
Baumaterialen entsetzt oder auch entzückt.
Auf der Karte sah ich, dass es in Perivam auch einen Port, sprich Hafen, gibt
und lotse Thomas an das Ufer des Mureş, wo tatsächlich ein kleiner Hafen mit
einer skurrilen Fähre zu finden war. In einer gemütlichen Freilandkneipe
tranken wir unter einem Weindach (mit
prächtigen blauen Trauben) unseren ersten rumänischen Kaffee und begaben uns
dann weiter nach Calugareni zum Kloster Bodro.
Ich mag rumänische Klöster
und schon dieses - das Erste unserer Reise -verzauberte mich. Die Gegend, die
wir bisher am heutigen Tag durchfahren waren, ist trocken und flach. Doch das
Kloster Bodro war umgeben von einer
wunderschönen saftigen Blumenpracht, mit von Weindächern beschatteten
Innerhöfen in denen kleine Engelskulpturen auf Rosenbeeten wirkungsvoll platziert waren. Mitten auf
einem der schattigen Innenhöfe stand ein riesiger Ginkobaum von dem ich mir
sehr gern ein Blatt als Andenken
mitgenommen hätte. Leider lag nicht ein einziges Blatt auf dem Boden.
Im Kloster Bodro gibt es zwei und natürlich auch ausreichend Geschichten. Ein alter kleiner lustiger Mönch war mir sofort ins Auge gefallen und ich näherte mich ihm unauffällig, umkreiste ihn scheinbar völlig desinteressiert bis ich ihn schließlich lächelnd ins Gespräch ziehen konnte. Er hatte wirklich Schmäh und erzählte uns mit einer meisterlichen Pantomime eine der Geschichten des Klosters, bei der eine Kuh eine wichtige Rolle spielt.
Und die ging so: Ein junger Hirte war mit seinen Kühen auf der Weide, als eines der Tiere begann mit seinen Hörnern (die sind in der tiefer gelegten Kirche über der Tür zu sehen) den Boden umzugraben. Der Junge hörte ein seltsames Geräusch und sah etwas in der Sonne blinken. Es waren natürlich Goldstücke, ein richtiger Schatz kam zum Vorschein. Aufgeregt lief der Junge zu seiner Mutter und fragte sie, was er mit dem Schatz machen solle. Die Mutter sagte, der Junge soll den Fund im Kloster abgeben und zwar komplett. Sollte er etwas abzweigen wird er augenblicklich zu Stein. Natürlich gab der Junge nicht alles ab und natürlich wurde er zu Stein und dieser Stein ist im Kloster zu bewundern. Diese Geschichte spielte mir der kleine alte Mönch mit großer Hingabe und schauspielerischem Talent vor und ich hatte viel Mühe den nötigen Ernst zu bewahren. Anschließend ließ er sich noch vor einem Stein in Herzform fotografieren, über dessen Geschichte ich zu gern auch noch etwas erfahren hätte, aber es war schon spät und Aurelia und Bernhardt warteten auf uns.
Nach einem kurzen Besuch in der Klostersommerküche wo in großen Töpfen Hühner und Kraut zubereitet wurden begaben wir uns auf die Piste und fuhren weiter Richtung Arad.
Zu Arad habe ich ein gespaltenes Verhältnis (das ist eine ganz andere Geschichte) und deshalb suchte ich im Atlas einen Weg diese Stadt zu umfahren. In meiner Karte war bei Fântânele eine kleine Brücke über den Mureş eingezeichnet. Diese Brücke gibt es aber leider nicht mehr und so mussten wir doch durch das wilde Arad. Thomas entpuppte sich als ziemlich selbstbewusster und rasanter Rumänienstadtdurchfahrer und so kamen wir zwar zu spät aber doch mit schönen ersten Rumänienerlebnissen in Vladimirescu, einem Vorort Arad an.
Bernhard
und Aurelia empfingen uns herzlich und auch ich freute mich die beiden
wieder zu sehen. Ich kenne Bernhard und Aurelia schon seit einigen Jahren über
ein Internetforum welches sich mit Rumänien beschäftigt. Wir haben uns einige
Male hin und her besucht und hatten jedes Mal Spaß und interessanten
Gedankenaustausch, wie das so ist wenn zwei Welten aufeinander
prallen...nämlich einmal die durchschnittlich deutsche und die nicht
durchschnittliche rumänische.
Aurelia ist eine Rumänin mit einer ganz lieben und besonderen Ausstrahlung, die
mich mit ihrer Art die Welt zu sehen immer wieder verblüfft. Bernhard ist ein
ausgestiegener Österreicher, der sich in Vladimirescu, einem hässlichen Vorort
von Arad niedergelassen hat und dessen Leben nun unter dem Motto "Hilfe
für Menschen ohne Hilfe" steht. Und diese Devise hält er mit erstaunlicher
Geduld gerade denen gegenüber - denen er hilft - durch. Seine
Hauptunterstützung gilt einigen Zigeunerfamilien in Fiscut und der Produktion
von Sonnenheilmitteln, die (wenn man daran glaubt) wahrscheinlich für und gegen
alles gut sind. Ich empfehle diese Mittel immer gern weiter, besonders das
sonnenlichtangereicherte Mohnblumenblütenblätteröl, an dessen fehlerfreien
Aussprache ich einige Wochen geübt habe. ER hat wohl schon manche Heilung
geschafft. Mir persönlich fehlt leider der Glaube an die Mittelchen, aber ich
freue mich immer wieder über die Wunder die
mit den oder - meinetwegen- auch durch die- Substanzen geschehen. Auch das
Heilen durch Handauflegen ist eine von Bernhards Berufungen und es gibt
tatsächlich immer wieder Leute denen er damit hilft. All diese "Leistungen"
sind übrigens kostenlos! Das heißt, Bernhard nimmt prinzipiell keinerlei
Vergütung für seine Wunder (außer die Nachbarin hat vielleicht gerade einen
Kuchen gebacken und bringt ihm ein Stück rüber). Seit einiger Zeit ist Bernhard
auch sehr begeisterter Öl-statt- Diesel - Fahrer und experimentiert mit
selbstgepresstem Öl und seinem VW - Bus um mit möglichst wenig Unterstützung
der großen internationalen Ölkonzerne Auto fahren zu können.
Sein Haus in Vladimirescu ist ein "offenes Haus" und so schwirren auf seinem
Hof immer zahlreiche Nachbarinnen und Nachbarn und Kinder herum. Besonders ans
Herz gewachsen sind mir die kleine Paula und die etwas größere Dalina, die
immer bei mir war und meine Hand ergriff und sich an mich rankuschelte. Beide sind
zuckersüße Mädels, denen wohl aber der häufige Besuch aus dem Westen, den
Bernhard und Aurelia haben, nicht gut bekommt. Sie haben ganz schlimm
schlechte Zähne, die wohl auf die vielen Süßigkeiten die die Besucher
verschenken (ich auch) zurückzuführen sind.
Bei Aurelia und Bernhard zu sein ist schön. Aurelia ist eine ganz liebe und
fürsorgliche Gastgeberin und hatte ein leckeres Essen für uns gekocht. Leider
hatten Thomas und ich nicht so eine ganz genaue Ankunftszeit gesagt, so dass
alle noch um 4 auf das Mittagessen warteten. Wir hörten die Bäuche richtig knurren.
Trotzdem ergab es sich, dass wir zunächst Dalinas Oma besuchten, die die
Nachbarin von Bernhard ist und gerade die große Pflaumenernte zu Schnaps
verarbeitete. Der ganze Garten war mit Kessel und Behältnissen aller Art
vollgestellt und Bernhard, stolzer Besitzer eines Gerätes zum Messen des
Alkoholgehaltes des Schnapses (Ţuică - sprich Zuika) stellte fest, das der
Alkoholgehalt des in den einzelnen Behältnisse befindlichen Ţuicăs zwischen 35
und 63 % lag.
Insgesamt hat Elinitza ca. 50 Liter Schnaps hergestellt, der eine
Art Währung in Rumänien ist und zur Bezahlung von Handwerkern aber auch als
Mitbringsel bei Taufe, Hochzeit, Beerdingung und zu sonstigen Anlässen dient.
Ich weiß gar nicht wie dass nun zu EU - Zeiten werden soll, wo doch das
Schnapsbrennen scharfen gesetzlichen
Bestimmungen unterliegt!
Wir ließen uns den Ablauf der Brennerei ganz genau erklären und bekamen auch
eine Kostprobe geschenkt. Nachdem wir
die große Sau mit den kleinen süßen Ferkeln
im Stall bewundert hatten, gab es bei Aurelia Essen, nämlich eine
herrliche Bohnensuppe aus grünen Bohnen und dazu Kalbsschnitzel.
Natürlich hatten wir uns viel zu erzählen und besonders Thomas hatte 1000
Fragen
an Bernhard. Ich wunderte mich über die seltsamen Servietten die es bei Aurelia
gab und Thomas fand den Türschließer der Küchentür cool. Die Erklärung für die
Anwesenheit der außergewöhnlichen Gegenstände klang in unseren Ohren seltsam.
Bernhard antwortete nämlich lapidar:
Der Schwager einer Nachbarin arbeitet bei der rumänischen Bahn.
Als "Radklopfer"
Ich wunderte mich...
Hääääää?
Bernhard stellte die Gegenfrage, ob mir als Rumänienzugreisende noch nie
aufgefallen wäre, dass es ab der rumänischen Grenze keine Papierhandtücher und
kein Toilettenpapier in den Zügen gäbe. Stimmt, wenn er es so sagt! Er hat
recht! Bernhard erklärte, es wäre halt üblich, dass die
Angestellten das Zeugs mit nach Hause nehmen. Und der Türschließer wäre auch
vom Schwager der Nachbarin von einer Zugtür abmontiert. Das wäre halt so.
Nach dem Essen fuhren wir Edith und Günther Willner besuchen, die sich in
Santana, einem anderen Vorort von Arad niedergelassen haben und die ich
ebenfalls aus dem Rumänienforum kenne. Günther Willner ist in das rumänische
Abfallgeschäft eingestiegen und gerade dabei sein Haus mit Garten zu renovieren
und her zu richten.
Günther kredenzte uns einen leckeren und sehr hochprozentigen Ţuică, von dem
auch Bernhard - unser Fahrer - einen ganz ganz und wirklich nur ganz ganz
winzigen Schluck kostete. Nachdem wir
uns von Günther verabschiedeten und gerieten 3 Straßenecken weiter in
eine Polizeikontrolle. In Rumänien ist absolutes Alkoholverbot (0,00) für
Kraftfahrer und so stockte uns der Atem. Zuerst musste der Fahrer des Wagens
vor uns pusten und tatsächlich zeigte das Blasegerät einen Alkoholpegel an. Er hatte also getrunken. Die Polizisten
wiegten verzweifelt mit dem Kopf, der Kraftfahrer gestikulierte und redete
aufgeregt und auch wir waren ziemlich nervös. Der Polizist kam mit dem
Alkoholmessgerät zu Bernhard und eigentlich waren wir sicher, dass Bernhard nun
auch pusten muss und bestimmt 0,01pro Mille angezeigt werden. Der Polizist
reichte Bernhard das Gerät durch das
Fenster, aber nur damit er sehen kann , wie viel Promille sein Vorpuster hat.
Er sollte also NUR Zeuge sein. Im Auto machte es 4 x blubb - das waren die
Steine die uns vom Herzen fielen... blubb... - als wir "unbehelligt"
weiter fahren konnten durch die sternenklare rumänische Nacht.
Im Auto überlegte ich, dass heute ja erst mal der erste Tag in Rumänien ist und
ich schon vollgestopft mit Eindrücken bin. Das noch mehr auf mich zukommt an
diesem Abend wusste ich, denn wir wollten noch Martin besuchen.
Martin ist ein Freund von
Bernhard. Leider hat Martin vor einigen Jahren auf
Grund von Durchblutungsstörrungen beide Beine verloren.
Nun ist er auf einen Rollstuhl angewiesen und mit Hilfe von Freunden ist es uns
gelungen, ihm einen besonderen Handhebelrollstuhl zukommen zu lassen. Ich war
natürlich gespannt Martin persönlich kennen zu lernen, denn Bernhard hatte mir
schon einiges von ihm erzählt. Unser Besuch war angemeldet und wir wurden
freundlich in die Wohnung gebeten. Zuerst mussten wir uns durch einen dunklen
Eingang und einen nicht minder dunklen Hof tasten um in die Kellerwohnung zu
gelangen, in der Martin und seine Frau seit einigen Monaten leben. Vorher hat
Martin in einer Garage gewohnt und nun hat er ein Kellerloch ohne Strom und
Wasserversorgung zugewiesen bekommen. Wir nahmen in einem der beiden Räume der
Wohnung Platz. Damit wir uns sehen können, wurde eine Öllampe angezündet. Es
war wie im Mittelalter und das in einer europäischen Großstadt. Zuerst bedankte
sich Martin noch einmal für den Rollstuhl und dann erzählte er uns seine
Lebensgeschichte auf Deutsch. Martin wurde nämlich 1943 in Berlin, wo die
Familie in den Kriegswirren hingeraten war, als Sohn eines Banater Schwaben und
einer Siebenbürger Sächsin geboren. Nach dem Krieg siedelte man die Mutter mit
dem kleinen Martin wieder nach Rumänien aus. Den Vater verlor die Familie im
Krieg. Zurück in Rumänien hatten Martins Mutter große Not sich, Martin und den
Bruder Adelbert über die Runden zu bringen. So erzählte uns Martin von einem
Weihnachtsfest, an dem die Not so groß war, dass die Mutter den Kindern gar
nichts schenken konnte. Auf der Straße fand sie einige wenige Tannenäste, die
sie mit Zwirn an kahle Zweige band. Dieser Nottannenbaum wurde mit in buntes
Papier gewickelte Brotstücken geschmückt.
Nach einer guten Zeit mit guter Arbeit und Familie verlor Martin seine Beine
und bringt sich und seine Frau seit dem mit Handaufhalten durch. Schlimmer noch
als die Armut ist aber für Martin der schlimme Zustand seiner Identität. Er ist
Angehöriger der deutschen Minderheit in Rumänien, kann das aber, da ihm seine
Papiere - als er ein paar Monate auf der Straße leben musste verloren gegangen
sind - nicht belegen. So erhält er keinerlei Unterstützung aus dem großen Topf
z.B. des Deutschen Forums, einer von Deutschland finanzierten Organisation für
in Rumänien lebende Deutsche. Ich weiß dass so sehr viel Geld aus Deutschland zur Unterstützung der deutschen
Minderheiten in Rumänien fließt und es macht mich wütend und traurig, dass
gerade Martin bei dem es um ein
würdevolles Leben geht, nicht geholfen wird. Er wird mit seinen Problemen
allein gelassen. Ich habe Martin versprochen zu versuchen seinen Taufschein in
Berlin ausfindig zumachen. Das würde beweisen, dass er ein Deutscher ist und
ihn berechtigen Unterstützung zu bekommen.
Allerdings habe ich noch nicht die richtige Anlaufstelle für die
Recherchen gefunden.
Voller Emotionen und Eindrücken fuhren wir zurück nach Vladimirescu und gingen
auch bald ins Bett.
Sonntag, 24.09.2006
Es gibt verschiedene Möglichkeiten am Morgen geweckt zu werden. Unangenehme
(kalter Waschlappen, brenzliger Geruch, Schnarchen) oder auch sehr angenehme,
wie z.B. das läuten der Kuhglocken in einem rumänischen Dorf, kitzelnde
Sonnenstrahlen oder das Klappern von Geschirr gepaart mit Kaffeeduft, welches
mit der Gewissheit dass man sich an einen gedeckten Frühstückstisch setzen kann
verbunden ist. Letzteres war der Fall an diesem Morgen und so saßen Thomas und
ich gegen 8 Uhr in gemütlicher Runde mit Bernhard und Aurelia, der kleinen Paula
und ihrer Mama beim Frühstück und machten einen Plan.
Zuerst wollten wir die Zigeuner in Fiskut, dann Bernhards Ölpresse und später
einen großen Markt in Arad besuchen und gegen Mittag unsere Reise Richtung
Ariestal fortsetzen.
Große Pläne für einen kurzen Sonntag und deshalb "Tschakka" los ging es.
Wir stiegen in Bernhards VW Bus, der - da er vorwiegend mit Öl betankt
wird- hinten raus sehr lecker nach einer Frittenbude duftet und fuhren in das
südlich von Arad gelegene Dorf Fiscut. Thomas saß bei Bernhard vorn und ich
spitze meine Ohren um die beiden Jungs zu belauschen. Die meiste Zeit
unterhielten sie sich über Männersachen wie z.B. dem Öl-statt- Diesel-
Betankungsproblem, dem ich nicht soooo viel interessantes abgewinnen konnte.
Auf dem Weg durch Arad fiel Thomas auf, dass die Moped - und Motorradfahrer mit
doch recht seltsamen Helmen auf ihren Gefährten sitzen. Manche haben normale
Helme, andere Bauhelme, Fahrradhelme und sogar einen alten Stahlhelm haben wir
gesehen. Bernhard klärte uns über die Helmpflicht in Rumänien auf. Der
Gesetzgeber hat wohl vergessen zu definieren welche Art Helm der Helm zum
Schutz der rumänischen Rüben sein muss!
Der Weg nach Fiskut führte uns durch kahle Landschaften. Kein Baum oder Busch,
brache Steppenlandschaft und ab und zu
ein paar Maisfelder. Auf dieser durch die langweilige schier endlose Einöde
führende Straße kamen uns zwei junge Zigeuner entgegen und hielten uns an.
Obwohl wir in der entgegengesetzten Richtung unterwegs waren, stoppten sie uns,
stiegen ein und fuhren mit uns mit. Bernhard meinte nur, wir sollen uns nicht
wundern und so skurril wäre nun mal manches bei den Zigeunern für unsere Augen.
Aber wenn sie mal rückwärts fahren kommen sie am Ende vielleicht doch ans Ziel
und so war es auch. Es stellte sich heraus, dass ich
einen der beiden jungen Männer kannte. Es war Christi, der mal bei Bernhard in
der Mohnblumenblüttenblätterölproduktion gearbeitete und der einen sehr
hohen Wiedererkennungswert hat, denn
seine Augen haben ein besonders
Eigenleben. Guckt das eine gerade aus, schielt das andere verwegen um die Ecke.
Bernhard hatte Christi einige Male angeboten, wenn er zur Schule geht und lesen
und schreiben lernt seine Augenoperation zu bezahlen, aber so wichtig war dem
Burschen die Sache dann doch nicht - weder die mit der Schule noch die mit den
Augen!
Über Feldwege ging es nun
nach Fiscut und mein Mann wurde so richtig in die
eiskalte Zigeunerrealität geschmissen. Am Ende des Dorfes lebten mehrere
Zigeunerfamilien in ihren kleinen Lehmhäuschen. Zahllose nackigbeinige
Zigeunerkinder in verschiedenen Größen
kamen uns neugierig entgegen und auch die Frauen begrüßten uns
freundlich. Christis Mutter konnte sich sogar noch an mich erinnern und bat uns
in ihr Haus. Eine winzige Hütte,
bestehend aus 2 oder 3 Zimmern in dem 4 Betten stehen muss für 14 Personen
reichen. Die älteste Tochter der Familie hat schon wieder selber 6 Kinder.
Richtig arbeiten geht in dieser Familie keiner, sie leben von ganz wenig
staatlicher Unterstützung und ein paar kleinen Geschäften.
Noch ärger geht es der Nachbarfamilie. Denen ist das Haus aus Lehmziegeln über
den Kopf zusammengestürzt oder vielleicht auch zusammengeweicht. Bernhard hat
ein paar Leute in Deutschland gefunden, die etwas Geld zum Kauf der
Baumaterialien für ein 4 x 4 m (können auch 4x 5 m
gewesen sein) großes Haus gespendet haben. Die Zigeunerfamilie entschied sich
aber die Maße vielleicht nicht ganz so genau zu nehmen und baute ein paar Meter
länger und ein paar Meter breiter. Natürlich reichten die Steine nun nicht für
oben und so kam es zum Baustopp mangels Ziegel. Die Familie campiert nun samt
Kindern (darunter auch ein Baby) auf 2 Sofas die im Freien stehen und schon
gehörig gebraucht und durchgeweicht sind.
Mein Mann überstand diese Einblicke in das gar nicht so romantische
Zigeunerleben mit einer überraschend äußerlichen Gelassenheit, aber dass ihm
das Gesehene doch sehr beschäftigt zeigte sich in den nächsten Tagen und
Wochen, als er immer wieder darüber sinnierte, wie es wohl den Kindern auf
ihrem alten Sofa unterm Sternenhimmel gehen wird. Zum Abschluss durften wir
noch ein Foto von der ganzen Zigeunerfamilie machen und stiegen mitsamt Christi
und seinem Freund wieder in den Pommesbus. Nun zeigte uns Bernhard seinen
derzeitigen Lieblingsaufenthaltsort, nämlich seine Ölpresse, die sich auf einer
Bauernwirtschaft befindet.
Wir mussten auf ein von
einem hohen Zaun umgebenen Grundstück fahren, wobei uns Bernhard ausdrücklich
mitteilte, dass wir unbedingt so lange wie möglich im Bus sitzen bleiben
sollen, weil die beiden Wachhunde sehr sehr gefährlich wären und schon manchen
Menschen zerrissen und zerkaut hätten. Auf Deutsch sagte er uns aber, dass die
Hunde die liebsten und nettesten Hunde auf der Welt wären, aber es unbedingt
notwenig wäre, dass Christi und sein Kumpel höchsten Respekt vor den Tieren
haben, damit sie nicht in Versuchung kommen, dem Grundstück ungebetene Besuche
abzustatten. So werden also aus lieben Hunden böse Hunde gemacht!
Bernhards Ölmühle ist eine richtige Oase nach so viel rumänischer rauher
Wirklichkeit.
Er verarbeitet hier z.B. Sonnenblumenkerne zu Öl und experimentiert mit
Reinheitsgraden, Ergiebigkeit und Konsistenz. Thomas ließ sich alles ganz genau
erklären, und fand es gut. Aber er wird wohl trotzdem kein Öl in seinen
Dieselopel kippen, zumal das Öl bei uns in Deutschland nur wenig billiger ist
als Diesel an der Tankstelle.
Aber es ist natürlich auch gut zu wissen was man machen könnte, wenn die großen
internationalen Ölkonzerne oder die Ölscheiche eines Tages die DURCHDREHE
kriegen.
Auf dem Weg zurück nach Arad versuchte ich heraus zu finden, welchen Anlass
Christi und sein Freund wohl haben nach Arad zu fahren. Aha, Geschäfte waren
der Reiseanlass. Bernhard erklärte sich bereit, die Jungs dahin zu fahren, wo
sie hinwollten. Wir besuchten ein anderes Zigeunerdorf in dem Christi hinter
einem Zaun verschwand. Nach ein paar Minuten kam er aus dem Grundstück gestützt und
man merkte ihm an der Mimik seinen
Kummer und seine Wut an. Ich fragte ihn was denn los sei und es stellte sich
heraus, dass er sich bei einem Geldverleiher Geld geborgt hatte um Melonen zu
kaufen und diese dann mit Gewinn zu verkaufen. Der heutige Tag war der Tag der
Rückzahlung, doch der Verleiher hatte den Jungs das Geld vor die Füße
geschmissen und einen höheren Betrag gefordert. Ich fragte scheinheilig, warum
sie den Vertrag denn nicht schriftlich gemacht hätten und Christi antwortete,
dass der Verleiher sehr angesehen ist und sie ihm vertraut haben.
Es entspann sich folgender
skurriler aber völlig ERNST gemeinter Dialog (Übersetzer Bernhard)
Gudrun zu Christi: Um wie viel Geld ging es denn?
Christi zu seinem Kumpel: Um wie viel Geld ging es denn?
Kumpel zu Christi: 1, 5 Millionen
Christi zu Gudrun: 1,3 Millionen (kein Tippfehler)
Wir kicherten darüber aber Bernhard versicherte uns, dass solche skurrilen
Gespräche bei den Zigeunern durchaus üblich wären.
Der nächste Punkt auf unserem Tagesplan war der Besuch eines riesengroßen
Freiluftmarktes in Arad.
Auf einer schier unendlichen Fläche werden Sachen und nochmals Sachen
verkauft.
Auf Plastesäcken gibt es soweit das Auge reicht gebrauchte Kleidung auf Haufen.
Davor sitzen Zigeunerinnen, die diese Lumpen zum Stückpreis oder nach Kilo
verkaufen. So gibt es richtige Jackenberge und Schuhstraßen, aber auch ein paar
Ecken in denen Fahrräder oder Spielsachen verkauft werden. Ich bekomme auf
solchen Märkten einfach nur Zustände....
Mit Bernhard und Thomas lief ich also über den Markt. Der wilde Eingangsbereich
entsprach noch am ehesten meinem Geschmack, denn da boten ältere Leute auf
Plastikplanen Dinge an von denen ich mir nicht vorstellen kann, dass sich in
100 Jahren ein Käufer dafür findet.
So richtig schön skurril!
Etwas abseits aber gleichzeitig auch erhöht thronte ein alter Mann auf einem
umgekehrten Plastikeimer. Auf dem Schoß und vor sich hatte er seltsame Geräte.
Beim näheren hinschauen stellte sich heraus, dass es sich bei den Gebilden um
Fleischwölfe handelt die aus Regenrohren gefertigt wurden. Der Herr auf seinem
Eimer strahlte unendlich viel Würde und stolz auf sein Produkt aus, so dass es
uns förmlich zu ihm zog. Gut ist es in solchen Situationen einen Bernhardt
dabei zu haben, der die Mächtigkeit über die rumänische Sprache hat und uns
übersetzen konnte, was der Herr über seine Fleischwölfe erzählte.
Die Geschichte ging so:
Eigentlich waren die
Fleischwölfe für einen Geschäftsmann aus der Schweiz hergestellt wurden und
zwar in ziemlich hoher Stückzahl (20 Stk). Der Schweizer war nämlich so
begeistert von der tollen Funktionsfähigkeit der Apparate, dass er den
Wunderfleischwolf sofort in den großen und teuersten Läden der Eidgenossen feil
bieten wollte. Wie es aber nun mal im Leben so ist, verunfallte der
ausländische Geschäftsmann just als er die Teile abholen wollte und der
Erfinder des Superfleischwolfs blieb auf seinen Wundersupergigantmaschinchen
sitzen. Mit funkelnden Augen und erhobenen Zeigefinger beschwor uns der Herr
immer wieder, dass es in ganz Rumänien, ja ganz Europa keinen vergleichbaren
Fleischwolf gibt.
Das glaube ich übrigens auch, denn wer kommt schon auf die Idee so was aus
Regenleitungen zu bauen? Als der Verkäufer dann mal Luft holte und wir die
Frage nach dem Preis einwerfen konnten, staunten wir bei der Antwort noch viel
mehr über das Selbstbewusstsein des Verkäufers.
Unser Weg setzte sich schließlich- nach dem wir eine Markteintrittskarte
erworben hatten- durch die Lumpenstraßen des Marktes fort. Irgendwann trafen
wir Aurica, Flori und Edith, die sich zum Einkaufsbummel verabredet hatten. Es
sollte ein mehrstündiges Flanieren über
den Markt folgen und dabei hatte
ich jetzt schon den Kanal gestrichen voll von all den Lumpen die auf dem
Boden herumlagen. Bernhard, wohl selber kein Marktgänger, verstand meine
verzweifelten Blicke und während die anderen auf die Jagd nach Schnäppchen und
Raritäten gingen, schlenderten wir gemütlich, frei und ignorant an der
Spielzeugecke, der Gürtelmeile und auch der Plastelatschenstraße vorbei.
Bernhardt holte das Auto
und fuhr mit mir und der kleinen 4 jährigen Paula in ein Naherholungsgebiet der
Nähe der Stadt. Meine Erleichterung über die Entführung vom Markt kannte kaum
Grenzen.
Irgendwann während wir gemütlich beim Kaffee saßen und über die wichtigen Dinge
der Welt philosophierten klingelte Bernhards Telefon und Aurelia rief uns zum
Mittagessen. Elinitza hatte extra für uns ganz leckere hauchdünne und mit
Marmelade gefüllte Eierkuchen gebacken, die wir in fröhlicher Runde verzehrten.
Danach war die Stunde des Abschieds gekommen, denn Thomas und ich wollten
noch weiter ins Ariestal fahren. Bevor es aber losging, wurden uns noch diverse
Dinge eingepackt, z.B. eine kleine Reiseapotheke die das Allheilmittel
sonnenlichtangereichertes Mohnblumenblätteröl (für alles, gegen alles) und
Arnikatinktur (für alles, gegen alles) und etwas ebenfalls vom Sonnenlicht
beschienenen Laktosepulver (gegen Magenbeschwerden) beinhaltete.
Nach herzlichen Umarmungen und dem Empfang zahlreicher guter Wünsche für die
weitere Reise fuhren wir über Ineu, Varfurile und Campeni ins Ariestal. Die
karge Landschaft wurde mit jedem Kilometer gehaltvoller und grüner und
bergiger. Wir hielten einige Male an um schöne Aussichten zu genießen oder am
Straßenrand nach fressbaren schnüffelnde Schweinefamilien zu bewundern oder
auch an einem der zahlreichen am Wegesrand gelegenen Bars einen Kaffee zu trinken.
Schließlich
gelangten über den Vartoppass nach Arieseni. Von dort aus sollte eine
Seitenstraße in das Bergdorf Patrahajtesti abzweigen, welches das heutige
Tagesziel war. Von unserem Freund Wilhelm Scherz (besser bekannt unter
Karpatenwilli), der im Internet eine ganz ausführliche und informative Internetseite zum Thema Rumänien hat
(www.karpatenwilli.com) und ein richtig guter Rumänienkenner ist, hatte ich den
Tipp bekommen mit Thomas diesen Ort auf zu suchen. Die Besonderheit der ca.
1150m hoch gelegenen Streusiedlung ist, dass da die letzen Tulnicbauer der Region
leben. Tulnics sind einfache Holzblasinstrumente, die im Original bis zu 3 m
lang sind, an die Alphörner erinnern und vorwiegend von Frauen gespielt werden.
Sie dienten in den weit auseinander gezogenen Siedlungen dazu sich zu
verständigen oder den Mann abends von der Feldarbeit an den Abendbrotstisch zu
rufen.
Auf meiner Landkarte war ein dünner grauer Weg nach PATRAHAITESTI eingezeichnet
und schien alles schön unproblematisch, außer dass der Weg vielleicht nicht
ganz so gut sein würde. Thomas und ich waren noch ganz glücklich von unserer
schönen Fahrt durch das Tal mit dem vielen Grün, den Dörfern, den Tieren und
den Leitplanken, die statt wie vorgesehen mit 5 Schrauben jeweils nur mit einer
Schraube befestigt waren. Keine Ahnung wo die anderen Schrauben geblieben sind,
aber mit einer Schraube hielt es ja auch. Beschwingt machten wir uns auf die
Suche nach dem Weg in das Bergdorf. Leider fanden wir ihn nicht und fragten
fröhlich einen Polizisten nach dem Weg. Der schickte uns eine Seitenstraße am
Anfang des Dorfes hinein.
Der Weg war schlecht, wurde schlechter und nach ca. 2 km war er nicht nur am
schlechtesten, sondern endete auch an einem Sägewerk. Unsere Laune war immer
noch gut, denn wir waren in mitten der Berge, die Häuschen lagen idyllisch auf
Wiesen verstreut und nach einigem Suchen fanden wir an einem Häuschen ein paar
junge Leute. Diese waren übrigens gerade am grillen und hatten riesige Steaks
auf dem Feuer, so riesig wie ich noch nie Steaks gesehen hatte. Und ich habe
schon viele gesehen! Die beiden jungen Männer waren Urlauber aus Bukarest und
schauten sich unsere Karte gaaaanz lange an. Sie drehten sie einige Male und
berieten sich und während sich der Tag dem Ende neigte meinten sie, wir sollen
ins Zentrum fahren und dort die erste Gelegenheit rechts abbiegen. Mit
Steakduft in der Nase und normaler Laune eierten wir den Weg wieder zur
Hauptstraße zurück und fuhren einige Male die Straße von Ortseingang Ariesseni
hinauf und bis nach Garda de Sus wieder hinab und probierten dabei jede
Möglichkeit abzubiegen aus. Was sich in dieser Zeit mit unserer Laune geschah,
wissen all die, die schon mal in ähnlicher Situation waren.
Im Zentrum hielten wir an einem kleinen Laden und fragten die Verkäuferin nach
dem Weg. Sie rief einen Mann herbei der einen Mann herbei rief der sich
wiederum mit einem anderen Mann beriet. 3 Personen dieser Runde wussten wo der
Weg war, wobei das verschiedene Wege waren. 2 Personen meinten, dass wir die
Strecke mit dem Opel Omega nicht fahren können und zwei Leute waren der festen
Überzeugung dass so ein schönes Westauto den Weg schafft. Die Beratung zog sich
hin, die Dunkelheit brach über uns hinein und wir nickten zu allem und waren
froh als wir wieder im Auto waren. Ich schlug Thomas vor einfach irgendwo
anders zu übernachten, aber wir waren ja von Aurelia telefonisch angemeldet
wurden und so wollte Thomas auch hinfahren. Schließlich landeten wir wieder an
der Kreuzung, an der wir gut gelaunt vor 2 oder 3 Stunden zum ersten Mal
eingebogen waren. Die
Kreuzung war noch da, die gute Laune war weg. Kein Weg, kein Steg, kein Mensch,
kein Licht, die Gudrun fand PATRAHAITESTI nicht. Eisiges Schweigen an Bord. Und
da passierte was in Rumänien in solchen Situationen der höchsten Verzweiflung
immer passiert. Nämlich ein Wunder!!!! Vor uns stand plötzlich ein Haus vor dem
ein Quadt parkte. Der Quadtbesitzer kam gerade aus der Haustür, ich stürzte auf
ihn zu und sprudelte meinen ganzen Wegeskummer raus. Er hat mich verstanden und
ein gutes Herz, setzte sich auf sein Fahrzeug und meinte wir sollen ihm folgen.
Thomas schwieg nun nicht mehr, sondern brachte sehr direkt seine Meinung zum
Weg zum Ausdruck, denn gut war der nicht! Willi sagte später - waaaas, diesen
Weg seid Ihr mit dem Auto gefahren? - Natürlich hab ich Thomas nicht erzählt,
dass Willi mit seinem Freund die Strecke - immer berghoch - kilometerlang -
gewandert ist...Fest steht, wir hätten den Weg ohne den Quadtfahrer, der nach
seiner Rettungsaktion wortlos verschwand, niemals gefunden.
Doch dann war alles gut und wir standen vor der Tür der Familie Mocan. Die
Mocans waren gerade noch ein bisschen im Stress, denn sie hatten für ihren
Neffen eine Hochzeit ausgerichtet und die sich über 7 Tage hingezogen hatte.
Trotzdem erhielten wir ein schönes Zimmer und wurden reichlich bewirtet. Zuerst
gab es eine leckere Nudelsuppe, später gebratene Wurst und Kartoffelbrei und
selbst eingelegte Gurken. Den Schluss bildeten diverse kunterbunte Kuchenstückchen,
die wohl von der Hochzeit übrig geblieben waren.
Bei dem guten Essen besserte sich auch die Stimmung und schließlich gingen wir
gespannt auf den neuen Tag ins Bett!
Montag, 25.09.2006
Als ich am Morgen erwachte und die Sonne durch das
Fenster schien, war auch der letzte Rest vom "Kein - Weg - kein - Steg - Gefühl"
verschwunden und auf den Weg zur Toilette musste ich erst mal nach draußen
abbiegen und schauen, wo wir in der
dunklen Nacht gelandet waren. Auf jeden Fall unter blitzeblauem Himmel mit
Sonne! Umgeben von frühlingshaftem Grün! Und das Ende September! Ohhh wie
schön! Am Wohnhaus der Familie Mocan
und am Stall der mit Zwiebelzöpfen behangen war (nicht aus Dekorations-
sondern aus praktischen Gründen, aber doch sehr dekorativ) vorbei, gelangte ich
in den Obstgarten. Von da aus konnte man die Berge des Bihorgebirges sehen
und es war als ob sie ganz ganz laut
riefen, "komm Gudrun, komm Gudrun- besteig uns! Trau dich!" Während ich mich langsam um die eigene Achse
drehte um das Ausmaß der Schönheit der Aussicht in allen Richtungen und das für
Ende Oktober sehr saftige Grün zu bewundern, gesellte sich Opa Mocan zu mir und
wir kamen ins Gespräch. Er freute sich über meine Begeisterung für die
Landschaft und die schöne klare Luft und wir rätselten gemeinsam, wie lange ich
wohl brauchen würde um auf den Berg Bihor (Curcubata - 1848 m) zu gelangen.
Eigentlich sah der Berg ziemlich nah aus und ich konnte fast nicht verstehen,
dass er meinte, er würde wohl 2 Stunden bis hinauf brauchen und ich 4. Na ja,
das wollte ich nun schon mal ausprobieren und lief zurück in unser Zimmer wo
mein Mann gerade am Aufstehen war.
Thomas freute sich über meinen Vorschlag wandern zu gehen und nach einem
kräftigen Frühstück zogen wir die Wanderschuhe an, packten etwas Proviant ein
und marschierten gegen 10.00 Uhr los. Über die Wiesen des Nachbarn gelangten
wir auf einen Weg, der so schmal war, dass zwei dicke Kühe da nicht aneinander vorbei
hätten laufen können und rechts und links begrenzte jeweils ein Weidezaun den Pfad. Als Thomas den ersten rumänischen
Weidezaun sah, war es um ihn geschehen und es entspann sich eine große
bewundernde Liebe. Thomas konnte fortan an
keinen Zaum mehr vorbei gehen, ohne daran zu rütteln, zu ziehen und sich
zu wundern, wie mit so wenig Nägeln eine solche Stabilität erreicht werden
kann. Angetan war Thomas auch von der Vielfalt der eingesetzten
Baummaterialien. Es gab Lattenzäune und Drahtzäune, es gab Astzäune und Zäune, die aus den aufgedrehten
Drähten einer Stahltrosse gefertigt waren.
Der Weg führte uns über Weiden, vorbei an wilder
Minze und wildem Thymian, an Silberdisteln und all dem ganzen Grünzeug, welches
man sieht, wenn man nicht nur hinauf, sondern auch mal rechts und links des
Weges schaut.
Nach ungefähr 2 km galt es eine Entscheidung zu treffen. Laufen wir den bequemen Wanderweg weiter oder klettern wir den ausgetrampelten Waldpfad hinauf. Wir entschieden uns für den unbequemen Weg und begannen durch das Gestrüpp "sus sus sus la munte sus" zu steigen. Ach war das schön, Urwald, jede Menge Vogelbeerbäume, Farne. Moose und hoch hoch hoch... keuch ...und weiter hoch...schnief... und hoch... boah ist das steil...wieso wird das immer steiler? ...müsste nicht bald mal ein Weg kommen? ...Halt! Stopp! PAUSE!
Keuchend ließ ich mich auf
einen Baumstumpf plumpsen und hörte meinen recht ungesund klingenden rasselnden
Atemgeräuschen zu. Mein Mann sehr viel durchtrainierter wie ich, war mir immer
eine reichliche Anzahl von Schritten
voraus, behielt mich aber während er nach
einem einigermaßen guten Weg suchte im Blick, damit ich nicht verloren
gehe. Als sich mein Rasselatem in einen Keuschatem umgewandelt hatte, ging es
weiter. Nicht mehr so euphorisch und für meine Verhältnisse flott, sondern
schön langsam Schritt für Schritt mit vielen kleinen Pausen. Immer wieder
schaute ich, ob der Himmel irgendwo vor
uns zu sehen war, aber alle Baumwipfel hatten vor sich noch viele weitere
Baumgipfel die höher waren und auch wieder Wipfel vor sich hatten. Schließlich
gelangten wir auf eine Freifläche, von wo wir einen schönen Blick hinunter ins
Tal hatten. Thomas war stark im
Zweifel, ob wir überhaupt auf dem richtigen Berg waren, aber das war mir
unterdessen egal. Ich saß zufrieden zwischen dem Heidelbeerkraut und sammelte
alle im Sitzen erreichbaren Beeren zusammen. Über uns blauer Himmel und Sonne,
Verpflegung vom feinsten und um mich herum Natur... was wollte man mehr... ? Na
gut, wenn nun natürlich irgendwo noch ein schöner breiter Weg zum
Vorschein käme, der uns im
Spaziergangschritt zum Gipfel schlendern ließe, wäre das sooo schlecht nicht!
Aber man kann nicht alles haben und so kämpften wir uns weiter geradewegs den Berg hinauf, bis wir tatsächlich auf
einen Pfad stießen. Vergnügt
marschierten wir nun auf dem ausgetretenen Weg, doch so wie er aus dem
nichts entsprungen war, so verschwand er auch wieder ohne jegliche Vorwarnung
im Matsch. In Rumänien ist eben alles ganz ganz anders und auch die Einsteinige
Realitätstheorie scheint nicht in jedem Fall in den Karpaten zu gelten.
Also hieß es wieder klettern. Der Wald war hier nicht
mehr so dicht und es war zu merken, dass hier erst vor einiger Zeit Bäume gefällt wurden. Die Stümpfe standen
umher wie Sessel und für jemand untrainierten wie mich stellten sie eine große
Versuchung dar. Doch ich wollte die Rücksicht und die Geduld meines Mannes
nicht unnötig strapazieren und krabbelte zum Teil mit Händen und Füßen weiter
hinauf. Wieder gelangten wir an einen Weg, der sehr breit und von
Pferdefuhrwerken stark zerklüftet war. Frohen Mutes, dass wir nun bestimmt bald
ganz oben sind, wanderten wir weiter. An den Kurven der Serpentinen hatten wir
herrliche Ausblicke und rechts und links des Weges wuchsen Brombeeren, Fliegenpilze,
Maronen usw.
Plötzlich endete auch dieser Weg im Matsch.
Ein paar 100 m balancierten wir noch weiter, doch dann kamen wir an einer Quelle an und
es ging rechts nicht weiter, gerade aus nicht weiter und links ging es wieder
runter. Unterdessen war es 15.30 Uhr geworden. Schweren Herzens (Thomas war
bedeutend schwerer als meins) beschlossen wir den Rückweg anzutreten.
Nach einem kleinen Marsch durch den Wald - begleitet vom Bimmeln der Glocken der Kühe die hier im Wald weideten- fanden wir einen recht bequemen Weg der ziemlich steil ins Tal führte. Später stellte sich heraus dass es sich um ein Flussbett handelte, welches während der Schneeschmelze und starker Regengüsse einen reißenden Bach beherbergte, aber in den trockenen Zeiten für den Transport der gefällten Stämme genutzt wird. Nun war noch einmal Kletterei angesagt, allerdings nach unten. Es hat richtig Spaß gemacht zwischen den großen Steinen die irgendwann ja mal Felsen oder gar ein Teil des Berges gewesen sind herum zu krabbeln. Nach und nach wurde die Angelegenheit nasser und feuchter und schlussendlich wurde der Bachlauf doch wieder zum Bach. Zuerst war ich immer noch darauf bedacht meine Füße trocken zu halten, aber nach dem ich einige Male versuchte von Stein zu Stein zu balancieren, und trotzdem abrutschte, war es mir auch egal.
Ob die Füße nun ein bisschen nass oder ganz nass sind machte keinen Unterschied mehr.....ich wählte die
unkomplizierte Strecke durch den circa
knöcheltiefen Bach und fand dem Wasser im Schuh sogar noch eine gute Seite ab.
Die Blasen die ich mir an den Seiten der großen Zehen geholt hatte, wurden
durch die Feuchtigkeit schön aufgeweicht und taten gar nicht mehr weh. Um ein
paar neue Schuhe muss ich mich trotzdem
kümmern. Meine Wanderschuhe waren zwar teuer und sorgfältig ausgesucht, aber
trotzdem passen meine Füße irgendwie nicht zu ihnen und es wird beim Wandern
nicht immer ein blasenaufweichender Bach in der Nähe sein.
Der Abstieg ging viel
schneller als erwartet und weil es um uns herum einfach nur schön war, richtig
schön, schmissen wir uns auf die Wiese und genossen die Wolken die über uns
waren, den Anblick der Berge in der Ferne und der in der Nähe, das für
September immer noch verdammt grüne Gras, die kleinen Gänseblümchen und die
Silberdisteln......
Irgendwann war die Sonne so tief, dass es kühl wurde und unsere ganze Wiese voller Schatten war, so dass wir den Heimweg zu Mocans antraten. Dieses Mal war ich aber schneller als Thomas, denn dieser ging leidenschaftlich seinem neuen Hobby - dem Weidenzaunbewundern- und rütteln - nach. Bei der Kuh Steluza machten wir noch einen kleinen Zwischenstopp. Thomas war so begeistert von dem Tier, dass er ihm noch eine Rückenmassage verpasste. Das hat Steluza so gut gefallen, dass sie sogar zu schnurren begann! Habt ihr schon mal eine schnurrende Kuh gehört! ? Klingt echt sehr exotisch und gibt es garantiert nur im Apusenigebirge!
Schließlich trafen wir wieder bei den Mocans ein.
Bald saßen wir in gemütlicher Runde mit den Mocans und einigen Nachbarn und
probierten diversen Ţuică aus, wobei unserer aus Arad von Elinitza nicht so
gute Noten bekam.
Auf einmal trafen 3 gediegen gekleidete sehr vornehme und undezent parfümierte Damen ein, die sich als Besuch aus Frankreich entpuppten. Sie müssen irgendeine wichtige Rolle gespielt haben, denn die Frauen der Mocanfamilie flitzten auf einmal wie die Rehe über den Hof und kredenzten Kaffee und Kuchen und waren noch ein bisschen freundlicher als freundlich. Ich habe bis heute keine Ahnung wer die Damen sind, aber vermutlich gehören sie irgend einer Hilfsorganisation an.
Als die Französinnen dann die Tulnic-Werkstatt besichtigen wollten, gesellte ich mich zu ihnen.
Ratila Mocanu, die Museumsdirektorin, hatte ich schon mit ihrem Sohn am Abend vorher kennen gelernt als wir im Finsteren vor dem Abendbrot vom Licht in der kleinen Werkstatt angelockt wurden. Der Sohn stellte in der Werkstatt gerade Holzkrüge her und Ratila wuselte durch die Räume. Natürlich nahm sie auch gern ein Tulnic in die Hand und blies uns ein paar schöne Melodien.
Unser Freund Karpatenwilli war ja schon im Winter in Pathaitesti zu Gast gewesen und hatte die Tulnic-Künstlerin kennen gelernt. Damit ich mich gut auf die Reise vorbereiten konnte, hat er mir ein ca. 1 m langes Tulnic zu meinem Geburtstag im Juli geschenkt. Ich hatte mir fest vorgenommen ein paar Melodien auf dem Gerät zu erlernen, zumal meine übernächste Nachbarin eine sehr versierte Jagdhornbläserin ist und mir zu meinem Geburtstag ein paar recht schöne Liedchen (z.B. Sau tot) auf dem Tulnic vorspielte und mir anbot, mir das auch beizubringen. Allerdings habe ich es nur einmal geschafft ihren Unterricht in Anspruch zu nehmen. Dann demoralisierte mich nicht nur der ausbleibende Erfolg, sondern auch die verzweifelten Rufe der unbeteiligten Nachbarn, die um RUHE baten.
Nun ist der Tulnic vom Karpatenwilli ein dekorativer Gegenstand in meinem kleinen Rumänienzimmer im Keller unseres Hauses und wie schon öfter in meinem Leben gebe ich mich mit der Erkenntnis zufrieden: MAN MUSS NICHT ALLES KÖNNEN! Um so mehr bin ich natürlich in der Lage eine kleine 79 jährige Oma mit einem Gesamtkörpergewicht von höchsten 45 kg ausführlich zu bewundern, die einen 3 m langes Tulnic bläst und dabei den Zuhörer bezaubern kann.
Neben
den Melodien auf den traditionellen Instrumenten ist natürlich auch die
Werkstatt mit all den speziellen für
den Tulnicbau bestimmten Instrumenten interessant und die kleine
Verkaufsausstellung, in der man nicht nur Tulnics sonder auch Gefäße aller Art,
selbstgewebte Geschirrtücher und Teppiche käuflich erwerben kann. Während sich
die Französinnen mit allerlei Souvenirs eindeckten hatte ich Gelegenheit die
Werkstatt zu fotografieren.
Nach unserer Rückkehr in die Unterkunft erwartete ich eigentlich dass die Mocans uns das bereits angekündigte Abendessen servierten. Oh nein, statt dessen wurden die Französinnen ins Haus gebeten und man hörte bis auf die Gartenbank hinaus heftiges Besteckklappern. Ich ahnte es! Die Französinnen bekamen unser Abendessen und uns wurden Stunden später Nudeln mit Käse serviert, die so gar nicht Thomas Geschmack waren.
Auf der Bank vor Mocans Haus mit all den Nachbarn konnten wir dieses kleine Ärgernis allerdings schnell vergessen. Die Stimmung war unterdessen aller bestens. Bis es richtig kalt wurden philosophierten wir über Tulnics, Ţuică und das Leben, aber nicht über wichtige Französinnen!
Dienstag, 26.09.2006
Heute Morgen wusste ich ja was mich erwartet, wenn ich die Unterkunft verlasse und trotzdem ging mein erster Gang wieder an die Frische Luft. Ich wollte nachschauen, ob der unbezwungene Berg vielleicht ein bisschen schadenfroh grinst, ob der Himmel noch so blau und schäfchenwolkenbewölkt ist und ob die Luft noch genau so frisch und klar ist wie am Vortrag. Der erste Blick zeigte - es ist alles in Ordnung. Der Berg lag gelassen in der Ferne und kümmerte sich nicht um mich, das Wetter war klar und schön und die Luft rein und fein.
Das gute Frühstück entschädigte uns für das von den Französinnen weggefutterte Abendessen (da fällt mir ein in unserer Familie haben wir eh ein angespanntes Verhältnis zu den Franzosen- welches sich nun fortsetzt- aber das ist eine gaaaanz andere Geschichte!!!) und nachdem wir unsere Sachen gepackt hatten, machten wir uns auf den Weg, die Wasserfälle von PATRAHAITESTI zu besuchen. Der älteste Herr Mocan hatte uns den Tipp gegeben. Gleich hinter dem Haus ging ein schmaler durch Weidezäune begrenzter Weg entlang. (Ich erspare dem Leser an dieser Stelle weitere Ausführungen hinsichtlich Thomas Hobby, dem Weidenzaunrütteln) und führte dann steil ins Tal zu dem Fluss durch dessen Flussbett wir am Tag zuvor gewandert waren. Die alten Mocans waren gerade bei der Heuernte und winkten uns zu. Wir winkten freundlich zurück- aber es stellte sich heraus, dass wir nicht freundlich gegrüßt, sondern informiert werden sollten. Da wir nicht gleich begriffen, kam die kleine Oma Sorina Mocan über die Wiese geflitzt und redete auf uns ein. Weil wir immer noch nicht verstanden was los war, deutete sie uns, dass wir ihr folgen sollen. Aha, sie wollte uns eine Abkürzung zum Wasserfall zeigen. Wie ein Wiesel lief die alte Frau mit ihrem krummen Rücken und den gebogenen Beinen vor uns her, balancierte wie eine Elfe über Bretter die über morastische Stellen der Wiese gelegt waren und brachte uns zu einem Weidezaun, den wir überklettern sollten. Kaum hatte sie das erledigt, war sie schon unterwegs um ein Pferd welches auf einer Wiese etwas unterhalb graste " umzusetzen" und hatte plötzlich ein mächtiges Beil in der Hand um den Pflock in den Boden einschlagen zu können.
Wir aber hatten
Urlaub und schritten gemächlich zum Wasserfall. Am Flussufer
wuchsen jede Menge verschiedene Blumen
und Pilze und das Grün war hier noch unherbstlicher grün. Saftig grün. Der
Besuch des Wasserfalls lohnt sich auf jeden Fall.
Auf dem Rückweg nahmen wir eine kleine Abkürzung der Abkürzung und gelangten zu einem Feld, auf dem emsiges Gewusel herrschte. Es war nämlich Kartoffelernte und ca. 15 Leute standen in Reih und Glied und buddelten Kartoffeln aus. Wenn die Kartoffeln auf einer Zeile aufgesammelt waren, holte einer der Bauern das auf der Wiese grasendes Pferd, spann den Pflug an und grub die nächsten Kartoffeln aus. Zwischen den Leuten flitze natürlich auch wieder die 71 jährige Sorina Mocan herum, die wie ich beobachtete nicht nur die älteste, sondern auch die schnellste Kartoffelaufleserin war.
Irgendwie war es uns dann doch peinlich als
ausländische Urlauber den Leuten bei der Arbeit zu zuschauen und wir liefen
zurück zur Unterkunft. Im Hause Mocan angekommen erwartete uns Ioan mit einigen
Abschiedsgeschenken. Ich bekam einen handgefertigten Spazierstock und Thomas
einen kleinen Tulnic.
Der Weg vom Dorf Patrahaitesti hinunter nach Arieseni war im hellen genau so schlecht wie im dunkeln, nur dass man bei Licht betrachtet die Unebenheiten und Steine viel deutlicher sehen konnte und damit die Gefahr für den Unterboden des Autos viel besser vor Augen geführt bekommt. Thomas hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass wir uns verfahren hätten, aber einmal im Leben hatte ich doch die richtige Richtung im Gespür und wir kamen ohne Schäden in der Stadt an.
Gemütlich und
immer schön nach rechts und links blickend fuhren wir durch das Ariestal
bis nach Albac, wo uns ein kleines
hübsches Kloster anlockte. Wie in allen Klöstern die wir in Rumänien besucht
haben, gab es eine ganz besondere liebevoll gepflegte Pracht aus Astern,
Zinnien, Studentenblumen usw. zu
bewundern. Überall gab es Blumenrabatten und
Gefäße mit dekorativ hergerichteten Pflanzen. Das ganze Kloster wirkte
gepflegt bis ins Detail und mit Liebe
behandelt. Die Nonnen des Klosters
waren auch gerade emsig bei der Arbeit, denn sie sortierten Holzabfälle, die
sie wahrscheinlich als Brennholz benutzten. Zwei Arbeiter in riesigen
Gummistiefeln, mit Pudelmütze und Wollpullovern in grellen Farben karrten das
Holz in einen Schuppen und bildeten einen krassen Gegensatz zu den schwarzgekleideten geradezu filigran
wirkenden Nonnen, die eher schwebten
als liefen.
Wie fast überall gab es auch hier eine junge Nonne,
die der deutschen Sprache mächtig war und uns zunächst erklärte, dass sie Deutsch in Regensburg
gelernt hätte und schon viel von der Sprache vergessen hatte. Sie redete mit
uns in einem sehr sanften Ton wirkte genau so wie man es sich von einer Nonne
vorstellt. Fast im Flüsterton
berichtete sie uns, dass in diesem Kloster, welches 14 Jahre alt ist 7
Nonnen leben. Ihren Lebensunterhalt verdienen sie mit dem Malen von Ikonen
und mit ein wenig Landwirtschaft.
Weiter fuhren wir nach Campeni, wo wir zum Mittag eine Suppe essen wollten. Zuerst gab es aber ein Parkplatzproblem, denn es war gerade Markttag. Als Thomas sich gerade mühevoll auf einen Platz geruckelt hatte und wir ausstiegen, kam ein Mann zu uns und erklärte, dass wir ganz ungünstig stehen und wir minütlich mit dem Eintreffen der Polizei und einen Strafzettel zu rechnen hätten. Also machte sich Thomas auf eine Runde zu drehen. Schließlich fanden wir einen Platz genau vor dem Markt. Nun war die erste Gelegenheit für mich eine Tschorba de Vacă zu essen. Vacă heißt soviel wie Kuh und ich LIEBE diese Suppe in Rumänien. Natürlich macht sie jede Küche anders, aber Rindfleischsuppe egal ob mit Nudeln oder Reis, mit viel oder wenig Gemüse, mit etwas Tomate oder ganz klar...diese Suppe schmeckt einfach immer, weil sie gut gewürzt und schön kräftig ist. Die eigentlich traditionellste Suppe in Rumänien ist übrigens die Tschorba de burtă, die aus Kutteln hergestellt wird die in einer weißen Brühe schwimmen und säuerlich abgeschmeckt ist. Diese Suppe ist auch sehr lecker. Hier mal das Rezept
(Quelle: http://www.ursulet.de/rezepte/cburta.htm)
500 gr. Kutteln (ungekocht)
Zwiebel (groß)
1 Zitrone
1 dl Rahm
Maggikraut
Blätter vom Stangensellerie
500 gr. Suppengemüse
Knoblauch (6-8 Zehen)
1-2 Eigelb
300gr. Kalbsknochen
Petersilie
Kutteln mit den Knochen in 3l Wasser mit 1TL Salz ca. zwei Stunden kochen. Suppengemüse (Sellerie, Gelberüben und Petersilienwurzel) und Zwiebel ungeschnitten zugeben und mitkochen. Wenn Kutteln gar sind Gemüse und Knochen herausnehmen. Suppe vom Feuer nehmen und salzen, mit Zitronensaft (oder Essig) säuern. Geschlagenes Eigelb und Rahm darunter mischen. Ca. 2EL Öl und den gepressten Knoblauch zugeben. Am Schluss frische Kräuter (vor allem Maggikraut) gehackt zugeben.
Uns stand aber der Sinn nach einer Kuhsuppe, die wir in einem der üblichen kleinen Restaurants bekamen. Das Restaurant war so "rumänienüblich", üblicher geht es kaum...es gab die üblichen Stühle und die üblichen Tischdecken mit den üblichen Brandlöchern die üblicherweise Zigaretten entstanden waren. Es waren natürlich auch die üblichen Gäste da - nämlich Geschäftsmänner die bei Kaffee heftig diskutierten und Jugendliche die vor ihrem Bier saßen und ihren Gedanken nachhingen. Auch der Getränkekühlschrank von Coca - Cola war üblich und die Kellnerinnen erst recht. Stark geschminkt in sehr seltsamen Uniformen aus synthetischen Stoffen mit geringem Baumwollanteil und hochgesteckten Haaren. Die Suppe schmeckte wie üblich richtig gut und ich war so richtig schön zufrieden. Wie üblich wenn ich in Rumänien bin. Mit der leckeren Suppe im Bauch schlenderten wir über den Markt in Campeni. Bauernmärkte in Rumänien sind immer schön, aber ich denke Ende September ist die beste Zeit für einen Marktbesuch. Es gibt Gurken und Bohnen, Weintrauben und Auberginen und natürlich Paprika. Leuchtend rot und meist kugelrund, so dass Thomas, der Ungläubige, jedes Mal zweifelte, dass es sich um Paprika und nicht um Tomaten handelte. Hinter Campeni verließen wir vorerst das Ariestal um entlang des Flusses Abrud ein paar Kilometer nach Süden fuhren um nach Rosia Montana zu gelangen, wobei noch einige Male Pausen an besonders sehenswerten Brücken eingelegt werden mussten. Thomas wunderte sich immer wieder über den rumänischen Einfallsreichtum beim Brückenbau. Zwei Holzstämme ohne Geländer, oder ein nicht mehr genutzter Telegrafenmast mit - wie luxuriös - Bohlen belegt und ein angepfiffenes Geländer (aber ohne all das geht es auch) gehen in Rumänien als Brücken durch. Kein Bauamt, kein Tüv der meckert, misst und kontrolliert. Es hält schon. Thomas - Stahlbauingenieur der sich den ganzen Tag mit Statik und perfekten Bauwerken beschäftigt schwankte immer wieder zwischen Spott - Wundern und Bewundern!
Rosia Montana ist ein besonderer Ort über den unter meinen Rumänienfreunden viel diskutiert wird. In den Bergen rings um den Ort gibt es Goldvorkommen, die zu den größten Europas zählen. Der Goldabbau in diesem Gebiet hat eine sehr lange Tradition, zuerst gruben die Daker das Gold aus und ab dem 1. Jahrhundert unserer Zeit die Römer. Noch heute sind angeblich ca. 145 km Stollen aus dieser Zeit vorhanden. Seit der "Wende" gibt es immer wieder Aufregung, denn wo Gold ist gibt es auch Interessenten. Hier spielt der rumänische Staat und eine kanadische Firma eine Rolle und natürlich Umweltorganisationen, die das Gebiet in dem seit so vielen Jahren gegraben und mit Chemikalien (Zyanid) hantiert wird zum ökologisch wertvollen Gebiet erklärt haben. Ich halte das allerdings für ein wenig übertrieben, denn aus einem Schweizer Käse kann man keine Schwarzwälder Kirschtorte machen, auch wenn man schöne grüne Protestplakate aufhängt. Nun hat eine kanadische Firma die "Schürfrechte" und die Bergarbeiter erst mal in die Arbeitslosigkeit geschickt. Da wir nun einmal in der Nähe waren, wollte ich Rosia Montana, den Zankapfel über den es sooo viele Meinungen gibt auch mal sehen. Wir fuhren in den Ort, der eigentlich entlang einer Straße liegt und in dem es immer bergauf geht. Je weiter wir hinein kamen, um so maroder wurden die Gebäude. Gleich neben der Kirche gibt es ein paar Wohnblöcke aus deren Fenstern in den unteren Etagen die Leute herausschauten oder Wäsche aufhängen und aus dessen oberen Etage kleine Birken heraus wuchsen. Im Ort war eine ganz seltsame Stimmung. Die vielen verlassenen Häuser, zerfallen und marode und die Menschen in den grünen T-Shirts mit dem Wappen einer Umweltorganisation. Ich dachte an das kleine sorbische Dorf Horno ganz im Osten Deutschlands, welches der Braunkohle weichen musste. Horno in der Lausitz (Ostsachsen) gibt es praktisch nicht mehr. Ein paar widerstandsfähige Bewohner leben in ihrem Dorf förmlich umbaggert wie in einem Käse mit überdimensionalen Löchern. Ob es in Rosia Montana auch bald so sein wird? Irgendwie hatte ich das Gefühl den Leuten lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende zu wünschen. Die Straße ins Dorf hinein endet auf einem Platz, der wohl früher mal ein richtig schöner Flecken gewesen ist, denn eine reichlich verzierte Hausfassade zeugt von einem gewissen verflossenen Wohlstand. Ich denke jeder der nach Rosia Montana kommt fotografiert diese Ruine, auch der Karpatenwilli, bei dem man auch nähere Informationen zu dem Ort, seiner Geschichte und den Sehenswürdigkeiten in der Umgebung bekommt. http://www.karpatenwilli.com/apuseni/romont.htm
Wir kamen uns ein bisschen vor wie auf der Vorbereitungsfeier zu einem Begräbnis. Am Hauptplatz befindet sich auch ein Büro der Umweltorganisation, die die hübschen grünen T-Shirts mit dem orangen Emblem an die Bevölkerung des Ortes verteilt hat. Ich klopfte zaghaft an die Bürotür und wurde so richtig enttäuscht. Statt ein emsiges Treiben mit Stapelweisen Protestplakaten und Transparenten saß ein ganz braves junges Mädchen mit schwarzer Lockenfrisur hinter einem leeren Schreibtisch und tippste auf ihrem Computer herum. Ich stellte keine Fragen, außer die wo denn das Museum von Rosia Montana ist und schüchtern wurde uns erklärt, dass wir die Dorfstraße wieder hinunter müssten. So sanft wie nur möglich schloss ich hinter mir die Tür um die Kleine nicht unnötig zu erschrecken und erblickte dabei einen Magazin Mixt mit einer Bar. Ein Blick zu Thomas, ein kurzes Nicken von ihm und schon saßen wir wieder mal in so einem so schön einfachen und urgemütlichen Etablissement mit mehreren finsteren Gestalten und ließen uns einen dieser kleinen überstarken Kaffees machen zu denen Thomas immer Milch braucht was auch hier zu einer hübschen Hilflosigkeit der Bardame führte. Hinter der Bar versteckte sich noch ein herrlicher Laden, der es mit jedem deutschen Tante Emmaladen der 50iger Jahre auf nehmen konnte. Wir kauften da einige Flaschen Wein und dachten, dass wir auch den Kaffee mitbezahlt hatten. Wie mir später beim Durchlesen des Kassenbons auffiel, haben wir den Kaffee doch nicht bezahlt. Deshalb eine Bitte an alle, die in Rosia Montana die Eckkneipe am Hauptplatz aufsuchen. Bitte bezahlt unseren Kaffee und stellt es uns dann in Rechnung! Vielen Dank!
Wir begaben uns nun auf die Suche nach dem Museum und fanden es auch nach mehrmaligem Fragen in der Nähe der Kirche. Es gibt kein Hinweisschild und der Eingang ist eigentlich ein Grundstückseingang etwas abseits von der Straße. Doch dann standen wir auf dem Gelände welches ich von vielen Fotos kenne und auf dem alte große Maschinen ausgestellt sind, die für das Fördern des Goldes benötigt werden. Natürlich wollten wir nun auch unter Tage, fanden auch den Eingang zum Museumsstollen, aber die Tür war verschlossen. Die Reisegruppe Pauksch trennte sich nun und Thomas suchte rechts und ich links nach einem Ansprechpartner. Ich hatte mehr Glück denn ich spürte einen Herren in seinem Büro auf, der mind. Direktor war und sich auf englisch mit mir unterhalten wollte. Oh goood, my English is soooo bad. I'm so sorry! Ich will INS Museum! Na ja, er verstand mich auch so und rief jemanden an der jemanden anrief der uns dann jemanden schickte. Wir warteten ein paar Minuten in der Sonne und schließlich kam ein älterer Herr mit einer Lampe angeschlendert. Leider sprach Carol nur wenig Deutsch und entschuldigte dafür. Ich fand ja, dass wir uns genau so entschuldigten müssen, dass wir kein rumänisch können. Also entschuldigten wir uns ein paar Mal hin und her, bezahlten nebenbei unsere 15 neuen Lei pro Nase für den Eintritt und erfuhren zudem noch, dass Carols ungarische Name da her rührt dass seine Mutter Ungarin war. Die Urgroßmutter väterlicherseits war allerdings deutsche. Nachdem das alles geklärt war ging es hinab in die Tiefe. 150 Stufen tipp tipp tipp. Es war als ob es in die Hölle ginge, kalt und feucht, wo wir uns doch gerade noch auf einer Bank gesonnt hatten.
Carol erklärte uns in welcher Art Gänge wir uns gerade befinden. In den römischen fast 2000 Jahre alten Stollen bekam man schon ein ehrfürchtiges Gefühl. Thomas bewunderte natürlich wieder die Technik, allerdings nicht die römische sondern die gegenwärtige und auch den Mut und die Risikobereitschaft der rumänischen Bevölkerung. Die Lampen zum Ausleuchten der Gänge würden jeden deutschen Sicherheitsbeauftragten zum Nervenzusammenbruch treiben. Die Kabel die zu den Lampen führen, haben teilweise keine Isolierung mehr und der Lampenschirm, der die Fassung vor der Feuchtigkeit schützen soll, war einfach oben auf die Lampe gesetzt, weil er immer voll Wasser läuft, wie uns Carol ganz selbstbewusst erklärte.
Nach der Besichtigung schnieften wir die 150 Stufen wieder hinauf und freuten uns wieder auf der Erde zu sein.
Ein Stück wollten wir noch weiter fahren und deshalb verabschiedeten wir uns von Rosia Montana (alles Gute!!!! - was immer auch das Gute für diese Stadt ist) und fuhren die Straße 74 A zurück nach Campeni und von da an weiter im Ariestal über nach Baia de Aries. Dieser Ort ist auch eine Bergarbeiterstadt. Die Mine befindet sich mitten im Zentrum ist auch seit ein paar Monaten geschlossen. Viele Leute sind arbeitslos geworden und selbst an so einem schönen sonnigen Herbstabend sah die Stadt so trostlos aus, dass wir statt einen Stadtrundgang nur eine kleine Stadtrundfahrt machten. Nach 5 km am Ende des Dorfes Brazesti fanden wir eine Pension mit sehr schönen und sauberen Zimmern und einer guten Küche. Auf der Terrasse gönnten wir uns ein Bier und genossen den Ausblick auf die umliegenden Berge (Turburelul 1304 m) und schönen Weidenflächen mit Weidenzäunen! Das besondere Spezial in diesem Hotel war für mich übrigens das kleine Fenster in der Duschkabine das während des Duschens einen wunderschönen Ausblick auf die schönen Berge gewährt. Nach einem schönen Abendbrot mit Tschorba und Wein war der Tag zu Ende.
Mittwoch, 27.09.2006
Der 27.September ist jedes Jahr für unsere Familie ein ganz besonderes Datum, auch wenn wir so manches Jahr gar nicht daran gedacht haben. Aber vielleicht ist es auch ein gutes Zeichen, wenn der Hochzeitstag nicht sooo wichtig ist und man ihn immer mal vergisst. In diesem Jahr haben wir ihn aber nicht vergessen, denn nun sind Thomas und ich 20 Jahre miteinander verheiratet. 20 Jahre...so eine lange Zeit und so viel ist passiert.
Gegen 9 Uhr waren wir nach einen prächtigen Frühstück wieder auf der Straße, immer noch entlang des Ariestals fuhren wir durch kleine Dörfer und Straßen die von sanften Gebirgszügen gesäumt waren. Überall war viel los. Kartoffelernte und Menschen die Dinge hin und her transportierten. Mir fiel auf, wochentags niemand unterwegs war ohne eine oder öfter mehrere Taschen, Beutel, Säcke mit sich herum zu schleppen und etwas von A nach B zu tragen. Aber an den Sonntagen, da hatte niemand etwas in der Hand.
Ganz besonders in Herz geschlossen hatte ich die schönen Fuhrwerke vor
denen mächtige Ochsen gespannt waren. Meistens strahlte der Begleiter des
Gefährts genau so eine Ruhe aus wie die schönen Tiere. Ganz gemächlich zogen
die mächtigen Ochsen ihre Last durch
die Straßen. Oft waren die Wagen so hoch und breit beladen, dass sie die ganze
Straßenbreite einnahmen und die Räder
nicht mehr zu sehen waren. Ein witziger Anblick, wenn man auf einmal einen
riesigen sich im Zeitlupentempo bewegenden 4 m hohen Heuhaufen vor sich hat.
Thomas hatte natürlich wieder die Gelegenheit sich zahlreiche Brücken, Zäune
aller Art und Leitplanken an zu schauen. Es gibt wirklich nur sehr sehr wenig
Leitplanken, in denen die vorgesehenen 5 Schrauben noch vorhanden waren. Meist hielt eine einzige Schraube die Planke fest.
Ob sie aber auch ein Auto vor dem Absturz in die Tiefe - was ja der eigentliche
Sinn einer Planke ist- abhalten würde, wage ich stark zu bezweifeln.
Aber nicht nur das Gebirge, die Menschen und die Leitplanken waren
interessant, sondern auch der Fluss Aries, unser Begleiter seit einigen Tagen.
Über mehrere Kilometer war sein Wasser
z.B. zweifarbig. Auf der einen Seite floss grünes Wasser und auf der
anderen graues. Nichts vermischte sich über Kilometer, als würde jemand mit
sicherer Hand und viel Ausdauer einen Strich entlang des Flusslaufes gezogen zu
haben, denn die Naturgesetze der Osmose und Diffusion waren für eine wirklich
lange Strecke außer Kraft gesetzt.
Auf Anraten der Schwiegertochter des Tulnicbauers bogen wir in dem Ort Buru nach Iarba ab. Dort soll es besonders schön sein. Leider hatten wir nicht so genau verstanden, um welche Art Schönheit es sich in dem Ort handelt, aber weil auf meiner Landkarte eine unitarische Kirche eingezeichnet war und ich mir darunter gar nichts vorstellen konnte, bat ich Thomas diesen kleinen Abstecher zumachen. Die Straße führte uns zunächst durch ein schönes Tal immer entlang der Iara. Im Städtchen parkten wir im Zentrum direkt vor der Kirche, die leider abgeschlossen war. Vor der Kirche mühte sich eine Gruppe von Männern damit ab einen Gabelstapler zu reparieren, aus dem überall schwarze Flüssigkeit (Öl ?) in kleinen Bächen heraus rann.
Wir fragten nach dem Schlüssel für die Kirche und wurden ein bisschen ignoriert. Ich hatte schon Verständnis dafür, dass ein defekter Gabelstapler wichtiger ist als zwei deutsche Touristen die in eine Kirche wollen. Doch wo wir nun schon einmal da waren klapperten wir sämtliche Läden der Dorfstraße ab. So ein rumänischer Gemischtwarenladen hat schon was und erinnert mich an "Das Haus der 1000 Dinge" in meinem Heimatort. All die nützlichen Dinge von Klopapier über Gardinen bis zu Plastikschalen und besonders formschöne ausgeblichene Plastikbrotkörbchen. Aber in den rumänischen Läden dieser Art gibt es auch noch Hufnägel und charmante Totenkränze mit grellbunten Kunstblumen und vieles ist ein wenig verstaubt und ausgeblichen.
Nach der anstrengenden Bummelei durch die Einkaufsmagistrate der Stadt
mit den 2 Läden, der verschlossen Kirche, 2 Denkmälern und einem defekten
ITALIENISCHEN Gabelstapler bedurften wir einer Pause und zogen uns in das
Kaffee auf einen Kaffee zurück. Das besondere an dieser Einrichtung war, dass
sich ein sehr großes Fenster neben der Tür befand. Es erinnerte mich an gewisse
Etablissements die es entlang der Straßen der deutsch - tschechischen
Grenze gibt. Nur saßen hier nicht
leicht (oder gar nicht) bekleidete Mädchen hinter der Scheibe, sondern 4
Polizisten, die in gemütlicher Runde einen Kaffee nach dem anderen tranken und
dabei durch die Scheibe ihrer Überwachungsfunktion nachkamen. Ansonsten war es
eines der Restaurants die einfach nur kalt und verräuchert sind. Wir
bekamen zum Kaffee schmutzige Löffel
serviert und eigentlich macht mir so
was nicht viel aus. Der Löffel wird gründlich mit irgendwas abgewischt und
fertig. Aber hier war mir die Geschichte doch reichlich unangenehm,
wahrscheinlich Ansteckung von meinem
Mann, der bei SOWAS überaus empfindlich ist. Der Kaffee war schnell getrunken
und als wir zurück zum Auto schlenderten, stand in der Gabelstaplergruppe ein
Mann der wie ein richtig echter Ungar aussah und einen großen Schlüssel in der
Hand hielt. Ach, dass ist es was ich an Rumänien mag, irgendwie kommt man doch
ans Ziel und das war ja in diesem Fall
die unitarische Kirche. Ich gebe zu, ich wusste nicht was eine unitarische
Kirche ist. Der rote Kreis der in
meinem Atlas aber um das Kirchensymbol
war, zeigte, dass es etwas ganz besonderes ist. Dir Kirche verblüffte mich
doch. Sie war innen total in blau - weiß gehalten und der "Altar" (es war kein richtiger Altar, eher ein Tisch) der Gemeinde den Pfarrer immer von hinten
sieht. Leider konnten wir uns mit unserem Führer nicht verständigen, weil er
nur rumänisch und ungarisch sprach und insgesamt ein wenig schüchtern wirkte.
Zu Hause habe ich dann über den Unitatrismus nachgelesen und bei Wikipedia
unter anderem folgendes gefunden...
Unter
"Unitas" verstehen Unitarier die Einheit von Gott, Natur und Mensch.
Zentrale Grundsätze sind der Glaube an die Einheit allen Seins, welches vom
Wesen des Göttlichen durchdrungen ist, und der Glaube an die menschliche
Vernunft. Die Unitarier leiten sich in der Lehre von den Antitrinitariern
der Aufklärung und den Sozinianern
ab und halten teilweise an ihren christlichen Wurzeln fest, auch wenn sich die
meisten der Unitarier von den christlichen Wurzeln gelöst haben. Unitarische
Glaubensgemeinschaften finden sich heute vor allem in Ungarn, Rumänien
(Siebenbürgen),
Großbritannien,
Deutschland und Nordamerika,
wo viele Unitarier eine konfliktfreie Verwirklichung ihres Glaubenslebens
suchten. Obwohl unitarische Vorstellungen in der Geschichte verschiedener
Religionen und religiösen Traditionen aufgetreten sind, spricht man von
Unitariern erst, seitdem sich Menschen dieses Glaubens zu Gemeinden
organisierten. Dies geschah im Wesentlichen nach der Reformation
und im Zeichen der Aufklärung, als es in Europa möglich wurde, das Dogma der
Dreieinigkeit in Frage zu stellen. Von den großen Kirchen als Ketzer
angesehen, wurden die Antitrinitarier oft verfolgt (siehe z.B. Michael
Servetus)
Wir gaben dem schüchternen unitarischen Ungarn ein bisschen Trinkgeld und verabschiedeten uns von Iarba um weiter Richtung Turda zu reisen. Nach einer Pinkelpause passierte ein großes Unglück. Als ich mich voller Schwung und Elan zurück ins Auto plumpsen lies, platze meine heißgeliebte älteste Jeans auf. Ich habe sie würdevoll hinter einem Busch beerdigt, vielleicht wird ein umherziehender Hirte sie finden bevor sie verwittert ist und sich daraus Putzlappen basteln!
Über Turda und eine Umfahrung von Târgu Mureş ging es weiter nach Balauseri, wo wir für einen Bekannten eines Bekannten ein kleines Päckchen für eine Familie abgeben sollten. Leider waren die Leute nicht zu Hause und wir übergaben das Paket einer ganz alten Nachbarin, die nach unserem minutenlangen Rufen tief gebeugt die Tür öffnete.
Auf der Strecke von Balauseri nach Sovate erstreckte sich ein Dorf nach dem anderen. Wir fuhren noch immer durch die Gebiete der ungarischen Minderheit und bewunderten die besonders schönen Dörfer mit den reichen Schnitzereien, besonders an den Toren. Vor Gehorghie durchfuhren das Gebirge Gurghiului. Am Pasul Pangarati (1256m) legten wir eine Pause ein. Wir standen in einer Nadelkurve und vor uns erstreckten sich wunderschöne Täler und Berge. Doch Thomas schaute auch den Berg hinunter und da lagen ungefähr 5 Milliarden Plastikflaschen. Ob die wohl jemals aufgelesen werden? Und was fühlt ein Rumäne (?) dabei seinen Krims Krams einfach einen Abhang hinunter zu werfen? Ich weiß jetzt jedenfalls ganz genau wie sich ein deutscher Tourist dabei fühlt das zu sehen und welche Gedanken er sich dazu macht. Bis zum Lacul Rosu war das nämlich das Thema in unserem Auto.
Um es mal mit den Worten meines
geliebten Reiseführers von 1972 zu sagen, der Lacul Rosu eingebettet in einem Tal des Munţii Hasmas und zwischen den Bergen Suhardul Mare (1507 m)
und Ghilcus (1376 m) gelegen, gehört zu den bedeutenden Sehenswürdigkeiten
Rumäniens. Er entstand als 1837 (alter Reiseführer) oder 1838 (neuer
Reiseführer) durch einen Erdrutsch.
Dabei ist der Wald buchstäblich ins Wasser gerutscht und noch heute sieht man
die Baumstümpfe, die unterdessen versteinert sein sollen, gespenstig aus dem Wasser ragen. Es ist in
meinen Augen überhaupt nicht so, dass es sich hierbei um eine wahnsinnig tolle
Sensation handelt Aber der See ist eben ein Ziel in einem Naherholungsgebiet
und sein Name bedeutet ROTER See oder auch Mördersee. So was zieht natürlich
immer. Wir drehten eine kleine runde und aßen ein Baumkringel, für den es wohl
keinen rumänischen sondern nur einen ungarischen Namen gibt und als auf dem Parkplatz zurück waren und
in unseren Opel steigen wollten, fiel uns ein anderes Auto auf, bei welchem die
ersten Buchstaben des Nummerschildes MAI waren. Das fanden wir ungewöhnlich und
während ich um das Auto herum schnüffelte um irgendwelche Indizien zu finden,
die das unbekannte Zeichen erklären,
kamen 3 mächtig wichtig aussehende und 1 normalaussehender Herr
Baumkringel essend auf uns
zugeschlendert. Mein loses Mundwerk schnatterte natürlich gleich darauf und in
meinem dilettantischen rumänisch versuchte ich die Wichtigkeit des Autos und
der Herren zu ergründen. Doch nur der Fahrer
kommunizierte mit mir, während die anderen 3 futternd in den Wagen,
einen Skoda Oktavia, einstiegen. Wenn ich es richtig verstanden habe hatte ich
es mit Funktionären einer Sonderpolizei oder der Feuerwehr zu tun. Aber mal
ehrlich so oberwichtig können die ja nun weiß Gott nicht gewesen sein, sonst
hätten sie nicht zu dritt in einem Autositzen müssen.
Die Straße führte uns nun durch den Bicaz Klamm. Das Flüsschen Bicaz hat
sich tief tief in die Felsen eingeschliffen und die Landschaft bietet dem
Reisenden ein beeindruckendes Bild. Fast hat man den Eindruck, dass man, wenn
man sich mitten auf die Straße stellt und die Arme ausbreitet rechts und links
an den Felsen anstößt. Das ist aber eine Frage des Blickwinkels, denn in
Wirklichkeit führt eine ganz normale Straße durch die Schlucht und dazu verläuft auch noch der Fluss. Ich war
schon auf meiner ersten Rumänienreise 1996 hier und damals schon genau so
beeindruckt.
Nun hatte ich Thomas auch diese besondere Sehenswürdigkeit meines Lieblingsurlaubslandes gezeigt und da sich der Tag dem Ende neigte wurde es Zeit eine Unterkunft zu suchen.
In der Dämmerung fuhren wir in das Örtchen Bicaz (10000 Einwohner) ein, welches am Fuße des berühmten Bicazstausee liegt. An einer T-Kreuzung entschieden wir uns Richtung Norden zu fahren und nach einer Kirche mit einem Terrassenförmig angelegten Friedhof erblickten wir ein riesengroßes Motel. Ich weiß auch nicht was mich geritten hat, aber ich schlug Thomas vor da zu nächtigen. Mein Mann ist ein vorsichtiger Mensch und meinte, ich soll mir doch mal die Zimmer ansehen. Ich marschierte die riesige und defekte Treppe zum Eingang hinauf, klinkte an einigen Türen die ich für selbigen hielt und wanderte weiter an verspiegelten Fensterfassaden. Irgendwo ging es dann doch rein und ich landete in einer riesigen Halle die als Bar genutzt wird. Alles war überdimensional und vor der Bar die gleichzeitig die Rezeption war kam ich - obwohl ich 172 cm groß bin- wie ein Zwerg vor.
Ich ließ mir von einer spindeldürren angemalten und geschmückten Bardame ein Zimmer zeigen. Dabei marschierten wir durch eine weiter mit Stühlen und Tischen ausgestatteten Halle an deren Ende ein Fernseher vor sich hindröhnte. Durch ein kleines Labyrinth ging es in die Motelzimmer. Ich warf einen kurzen Blick in das angebotene Zimmer und auch in das Bad, fand es ok und den Preis (50 Lei) auch und war zufrieden.
Als ich meinen Mann mit in das
Zimmer nahm, merkte ich schon auf dem
Weg dahin, dass ich nicht so ganz die richtige Entscheidung getroffen hatte.
Was ich als skurriles Motel empfand war für ihn Horror. Das Zimmer fand er
scheußlich und verwohnt und schließlich fragte er mich vorwurfsvoll, wo denn
das Fenster wäre. Natürlich hatte das Zimmer ein Fenster, aber bei der
Erstbegehung hatte ich entgegen meiner sonstigen Gewohnheit nicht zuerst hinaus
geschaut und so konnte ich nicht bemerken, dass das Fenster nicht in irgend
eine Landschaft zeigte, sondern in das Nachbarhotelzimmer. Es beschäftigt mich
noch heute, was sich wohl ein Architekt dabei denkt Zimmer mit solchen
Grundrissen und Anordnungen zu entwerfen und was Bauherren dazu bewegt, nach
solchen Entwürfen zu bauen.
Leider hatte ich auch nicht die Rattenlöcher mit dem davor ausgebreiteten Rattenfutter gesehen. Ich habe halt ein Dienstauge und ein Rumänienurlaubsauge welches nicht so sehr auf solche Details achtet.
Meinen Vorschlag noch ein anderes
Hotel zu suchen lehnte Thomas auch ab, meinte aber, er will auf gar keinen Fall
eine Minute länger als unbedingt nötig in dem Raum bleiben. Also begaben wir
uns in die Stadt. Unterdessen war es dunkel geworden und nieselte etwas. Das
trug dazu bei, dass Thomas seinen ersten Rumänienkoller so richtig "genießen"
konnte. Schließlich fanden wir ein recht annehmbares Lokal mit Biergarten, der
zur Straße zeigte. Eine Suppe und eine Flasche Wein ließ die Stimmung wieder etwas
besser werden. Nach der zweiten Flasche sah die Welt noch ein bisschen anders
aus und nachdem wir auch noch eine
dritte Flasche (Sec Murfatlar) und unzählige Male auf unseren 20. Hochzeitstag getrunken und alle Buchstaben des Alphabets
beim Name -Stadt - Land Spiel verwendet hatten, war die Welt wieder in Ordnung.
Schließlich waren wir die letzten Gäste
im Restaurant trudelten wieder zurück
in das schrecklich (Thomas) - schön skurrile (Gudrun) - Motel. Thomas
verkroch sich aus hygienischen Gründen in seinen Bundeswehrschlafsack mit
Ärmeln und Kapuze und auch ich schlief
weinselig in dem faktisch fensterlosen
Raum gut und fest ein
Mittwoch, 28.09.2006
Wir waren erstaunlicherweise in der Nacht weder von Ratten oder Vampiren noch von Mäusen und Flugsauriern angegriffen wurden und standen am Morgen fast ohne Kater sehr zeitig auf und vollführten einen Blitzstart. Die große Halle mit der Rezeption strahlte noch dieselbe verruchte Stimmung aus wie am Abend zuvor. Da es kein Tageslicht gab, schien die Zeit seit dem Vorabend stehen geblieben zu sein. Es war früh am Morgen, hätte aber auch mittags oder abends sein können. Die Bar war jedenfalls auch jetzt besucht, aber ich habe keine Ahnung, ob es dieselben oder nur ähnliche aussehende junge Männer waren wie die am Abend zuvor. Wer trotz unserer grusligen Eindrücke Lust hat in das Motel einzukehren, hier ist die Adresse: Complex turistic, Ceahlău-Bicaz; Tel: 0040233234767. Wir machten dass wir davon kamen und fuhren ca. 3 km durch die nieselige verschlafene Stadt zum Fuß der Stauseemauer.
Im Internet habe ich unter diesem Link folgendes über den Bicazstausee gefunden: http://www.myholiday.ro
Es ist
der größte Stausee auf Binnengewässer und wurde 1960 im Tal der Bistriţa
(Bistritz), in den Ostkarpaten, am Fuße der Gebirge Ceahlău und Stanişoara
zwecks Energieversorgung und Tourismus gebaut. Durch einen 5 km langen Tunnel,
der unter dem Botoşanu - Gebirge läuft, wird aus diesem See die
Wasserversorgung das Wasserkraftwerk Stejaru zugesichert. Der See hat eine
Länge von 34 km, seine Breite ist unterschiedlich, beginnend mit 200 m bis zu
2000 m, während die größte Tiefe, 90 m vor dem Damm gemessen werden kann. Der
Staudamm ist mehr denn 120 m hoch und 435 m lang. Die Fauna des Sees besteht
aus Plötzen, Döbel, Gründlingen, Brachsen, Näslinge, einheimische Forellen,
Regenbogenforellen; übrigens gibt es auch eine Forellenzucht bei Potoci. In der
Nähe des Staudammes wurde ein kleiner Hafen errichtet, von wo aus man mit dem
Schiff eine Rundfahrt über den See oder mit gemieteten Booten oder Paddelbooten
eine Wasserfahrt unternehmen kann. Es gibt ebenfalls Unterkunftsmöglichkeiten,
entweder im Hotel oder in Hütten.
Dort fanden wir ein nettes Restaurant wo wir ein zünftiges
Frühstück zu uns nahmen. Natürlich war ich ein wenig aufgeregt, wegen der Vorstellung dass hinter der Staumauer so viel
Wasser ist. Es braucht ja nur ein kleiner Stein aus der Mauer zu fallen und schon
sickert das Wasser erst ein bisschen durch und dann immer mehr und dann
so dolle, dass alles was im Flussbett liegt weggeschwemmt wird, nicht nur unser
Auto und der blau-gelb- rot angemalte Kinderspielplatz , sondern auch das
Restaurant mitsamt unserem Frühstück und uns... Puhhh! Wer die Gefahr liebt und
ruhig an so einer gefährlichen Staumauer schlafen kann, möchte ich das Motel
unbedingt empfehlen, denn es machte einen sehr guten Eindruck. Bicaz-Neamţ;
str. Barajului Nr. 39; Tel.: 0233254555
Natürlich besichtigten wir den Staudamm nicht nur vor unten, sondern fuhren auch auf die Staumauer. Normalerweise muss sich von da ein sehr schöner Ausblick auf den Stausee bieten, aber heute war es sehr trüb, so dass wir außer Beton und ziemlich wild, zerzaust und krank aussehenden Hunden nicht viel zu Gesicht bekamen. Auch einige Wächter zeigten sich, zogen sich aber bald wieder desinteressiert in ihre kleine Höhle zurück, die am linken des Staudammes für sie als Pausenraum in den Fels geschlagen war.
Unser Plan war nun, den 38 km langen Bicazstausee "linksrum" zu umfahren. Diese Strecke führt durch das Munţii Ceahlău durch einen Nationalpark. Zunächst fuhren wir endlos durch das Dorf Izvoru Muntelu welches mir sehr gefiel, weil man darin viele fantasievolle Ferienhäuser (z.B. ein runder Hausturm der von oben bis unten mit Holzschuppen bedeckt war) sehen konnte. Auch viele einfache Häuschen, die ich immer wieder faszinierend finde, säumten den Weg. Hinter dem Dorf war eine Schranke und eine Art Mautstation. Wahrscheinlich ist in der Reisesaison die Straße nur gegen Maut benutzbar. Nun war aber alles offen und wir schlängelten uns durch den Wald. Es gab außer Wald nicht viel zu sehen. Der Stausee war einige km entfernt und Berge gab es auch nicht. Kurz hinter dem Schitul (Schitul ist der Ableger von einem Kloster) Durău war unsere Fahrt jedoch zu Ende. Es hatte einen Bergrutsch gegeben und die Straße war für ca. 20 m mit ganz viel Schlamm zugeschüttet. Thomas prüfte mittels Stock wie tief der Schlamm war. Aber der Stock rutschte so tief in den Morast, dass wir keine Chance hatten. Also kehrten wir um. Auf der Hinfahrt war uns kein Mensch und kein Tier begegnet.
Auf der Rückfahrt
standen auf einmal mehrere
wunderschöne Pferde auf der Straße die wir mit Äpfeln aus dem Auto heraus
fütterten. Auch zwei Pilzsucher liefen
die Straße entlang. Nun mussten wir also die Straße rechts herum um den
Bicazstausee nehmen und wer einmal die Wahl hat, dem würde ich immer diese
Straße empfehlen, denn von hieraus bieten sich immer wieder wunderschöne
Ausblicke auf das Ceahlăugebirge, die wir auch immer wieder genießen konnten, da
sich der Nebel langsam verzog. Irgendwo in einem der vielen netten Restaurants
mit Pension tranken wir Kaffee, aßen eine Kuhsuppe und ein paar von diesen
leckeren Eierkuchen, die in Rumänien Palatschinken genannt werden. Die Straße
Nummer 15 b führte uns nach Leghin, wo wir
zur Besichtigung zweier Klöster die
zu den Moldauischen Stiftungen gehören abbogen. In einer Broschüre von Mihai Ion Pascu (
2002) fand ich folgende Informationen in charmantem Deutsch über das Gebiet um Piatra Neamţ in dem wir uns nun
befanden:
Neamţ
ist der Name von menschlichen Niederlassungen, von Gewässern sowie der eines
rumänischen Gebietes. Eines der zutiefst Moldauischen Gegenden mit
tiefreichenden und wertvollen Wurzeln der Geschichte.
In den Dokumenten der Zeit haben die "nemţi" (die Deutschen, rum neamţ, pl. nemţi = Deutscher, Deutsche) mit der Region Neamţ erst um 1674 etwas zu tun, als "...die Deutschen halten sich immer länger in den Städten auf, in Neamţu und Suceava und plündern was sie können in der Umgebung, wegen Nahrung" - vermerkte der Chronist Ion Necule, wobei der sich auf Söldnereinheiten bezog, die im Dienst der polnischen Nachbarn standen. Wir können auch die alte Gewohnheit der Rumänen in Betracht ziehen, die Bekleidung die keine Volkstracht war als "haine nemesti" (Städtische Kleidung) zu bezeichnen; und schließlich kann es der Widerhall auf die Anwesenheit fremder Handwerksmeister sein die herbeigebracht wurden um zur Errichtung der herrschaftlichen Gebäude beizutragen.
Sicher ist, dass der Ausdruck erst spät auftaucht, die Stadt Piatra Neamţ -heute Vorort (wahrscheinlich ist Hauptstadt gemeint!!!!) des Kreises Neamţ - war vormals als Cetatea de Piatra (steinerne Burg), Piatra lui Crăciun (Stein des Crăciun) oder einfach Piatra (der Stein) bekannt., neamţ wurde hinzugefügt, als sie ihre administrative Funktion erhielt.
Das Gebiet ist in Rumänien
einzigartig, das wird durch ein paar relevante Merkmale begründet:
ereignisreiche Vergangenheit von stark personalisierten menschlichen
Ansiedlungen, die Gruppierung in einem relativ kleinen Territorium einer großen
Anzahl von wertvollen Denkmälern, die weithin bekannten Kreationen der
rumänischen Volkskunst, die außergewöhnlich reizende Landschaft - Wiege des
rumänischen Lebensweges -, jetzt ein nationales Patrimonium von Bezugswert. In
richtiger Einschätzung der strategischen Vorzüge der Zone ließen mehrere
Herrscher hier Befestigungen errichten, die ihre Vorteilhaftigkeit vollauf
bestätigen; aber zusammen mit den Bojaren stifteten fromme Laien auch
hochherzige Gebetsstätten - "klösterliches Vaterland" formulierte ein Abt - sie
waren reich ausgestattet, wurden im Laufe der Zeit zu bedeutenden Kulturzentren,
gehrt von Persönlichkeiten der rumänischen Geisteswelt. "Die Wissenschaft ist
das, was wir wissen, und die Philosophie das, was wir nicht wissen", erachtest
Bertrand Russell, doch das Gebiet Neamţ wird das sein, was wir empfinden.
Das erste Kloster dieser Stiftungen, die wir nun besichtigen wollten war das Kloster Sihastria, zu welchem der obige Verfasser schreibt:
Talaufwärts von Secu gelegen, erhielt das Kloster, eine Mönchssiedlung aus der Zeit um das Jahr 1650, vom Bischof Ghedeon von Roman 1743 eine neue Kirche; nach den hetärisch-türkischen Kämpfen (1825) wieder aufgebaut, erhält es 1946 auch eine Kapelle. Besondere Aufmerksamkeit verdient die Malerei des Ikonenmalers Irineu Protcencu, eines bemerkenswerten Portätisten.
Soweit die trockene Theorie. Die Wirklichkeit ist viel frischer
und saftiger. Und hier im wahrsten Sinne des Wortes. Vor dem Eingang zum
Innenhof des Klosters begrüßte uns nämlich neben einem schönen geschnitzten Tor
ein großer schwer beladener LKW von dessen
Ladefläche es nicht nur tropfte sondern rann. Beim Näherkommen stellte sich auch der Grund für diese
kleinen Bäche heraus. Das waren Massen von Weintrauben, die er geladen hatte.
Viele Mönche und Helfer waren dabei den Wein in Körben und Kübeln in ein in
Stein gehauenes Kellergewölbe zu tragen und auch aus den Tragegefäßen rann der
Traubensaft. Natürlich latschten Thomas
und ich hinterher und bekamen so die uralte Weinpresse der Mönche zu Gesicht.
Allerdings standen wir auch im Weg herum und deshalb widmeten wir uns der Besichtigung des Klosters, welches im besten Renovierungszustand war und mit den vielen kleinen Kapellen und Blumenrabatten ein schöner Ort auf Gottes Erden ist. Lustig fand ich, dass sich das Kloster sogar einen Ordnungsmönch leisten kann. Ich wunderte mich sehr, als ich einen bärtigen Mönch mit Armbinde, 2 Bierflaschen im Arm den Blick auf die Blumenrabatte gerichtet den Eingang zum Kloster entlang bummeln sah. Ich schlenderte zu ihm hin, umschlenderte ihn ein bisschen und bei passender Gelegenheit, zack- sprach ich ihn an. Er erklärte mir, dass er für Ordnung zuständig sei und zeigte dabei stolz seine Armbinde.
Als nächstes schauten wir uns das Kloster Secu an, zu dem in der oben erwähnten Broschüre folgendes steht:
Im Tal des Flusses gleichen Namens wurde das Kloster als Nachfolger der Einsiedelei des Zosim um 1560 vom Statthalter Nestor Ureche, dem Vater des Chronisten, 1602 erbaut. Die Kirche überrascht durch ihre Ähnlichkeit mit der Architektur muntenischer Klöster-Fassaden in zwei Registern, Vorhalle auf Säulen; zwischen 1812 - 1818 wird sie vergrößert: über die alte Vorhalle erhebt sich ein Turm, und an der Westseite wird eine neue Vorhalle hinzugefügt. 1821 wurde sie zu einer Bastion der Hetäristen, 1850 wird die Malerei wieder hergestellt. Der befestigte Innenhof umfasst zwei Kapellen und Türme; am südöstlichen befindet sich die Stiftungsinschrift der Kapelle aus der Zeit von Vasile Lupu von der Burg Neamţ. Das Museum für alte Kunst stellt Kultusgegenstände, Handschriften, Druckwerke aus.
Dieses Kloster hat mir auch sehr gut gefallen. Die Leute denen wir da begegneten hatten alle etwas zeitentrücktes an. So fielen mir zwei ältere Nonnen auf, die wir schon vorher auf dem Weg getroffen hatten. Ganz in Schwarz gekleidet waren sie und sahen wie alle Nonnen ein ganz klein wenig wie Pinguine aus. Natürlich gab es aber auch Farbtupfer und das waren 4 riesengroße lila Einkaufsbeutel aus Plastik die die beiden mit sich herum schleppten.
Über den Hof stiefelten Arbeiter in Gummistiefeln und oberschenkellangen Mänteln, um die in der Hüfte noch ein Gürtel geschnürt war. Ein Mönch diskutierte lauthals mit einem älteren Mann, den er scheinbar von etwas zu überzeugen versuchte und auch sonst liefen durch das Gelände interessant aussehende Menschen, besonders Männer in Anzügen und Hüten, die auf mich fast ein bisschen jüdisch wirkten.
Die Krönung war für mich aber ein großer imposanter älterer Mönch mit langem Bart der auf einer Bank saß und intensiv mit seinem Handy telefonierte. Im gebührenden Abstand warteten einige Leute auf das Ende des Telefonats, aber er ließ sich überhaupt nicht stören. Wie gern hätte ich ein paar Stunden auf dem Klosterhof zwecks Leutebeobachtung zugebracht. Aber wir wollten noch weiter und bestiegen bald unser Auto. Auf den Weg zurück zur 15 b kamen wir noch an einer Wundermaschine vorbei. Ich dachte dass es eine Steinezerkleinerungsmaschine sei, aber Thomas erklärte mir, dass Erdreich aus einem Flussbett herausgebaggert wird und dann nach Körnungsgröße "sortiert" wird. In Deutschland würde man bei solchen Maschinen vielleicht von einem Kieswerk sprechen, aber in diesem Fall war diese Bezeichnung gar nicht angebracht. Es war einfach eine Kiessortiermaschine mit vielen Rädern und Riemen und der sortierte Kies rann den Abhang hinunter. Die Arbeiter wunderten sich über unser Interesse und winkten von ihrem Hügel hinunter während wir sie fotografierten.
Eigentlich gibt es in
der Umgebung von Neamţ ganz viele Klöster, da ich aber meinen Mann- einem
Rumänienneuling- zur Seite hatte, konnte ich nicht ganz so wie ich wollte und
musste die Klosterbesuche gut dosieren. Eins nahmen wir uns noch vor, nämlich
das Kloster Neamţ. Dieses Kloster besteht aus einer riesigen Anlage. An der
hölzernen Eingangstür mussten wir erst mal 5 Lei Eintritt berappen. Ehrfürchtig
wie in jedem Kloster durchschritten wir das Eingangsportal als uns der
Pförtnermönch hinterher gelaufen kam. Er schob uns ohne Widerrede in den
kleinen Souvenirladen gleich links am
Eingang und stellte uns dem Verkäufer vor. Dieser sprach uns im akzentfreien
Deutsch an. Antonius, so hieß der Mönch hatte eine ganz tolle lächelnde
Ausstrahlung und wir waren beide sehr in seinen Bann gezogen. Es entspann sich
ein ausgiebiges und interessantes Gespräch.
Er fragte wo wir her wäre und interessierte sich seltsamerweise für Luther,
Wittenberg und ganz besonders für
Luthers Frau, Katharina von Bora. Während sich die meisten Nonnen oder auch
Mönche bei den Gesprächen immer sehr scheu und zurückhaltend gaben, strahlte
Antonius eine Mischung aus Bildung, Männlichkeit, Weltoffenheit und tiefen
Glauben aus. Er erzählte uns, dass er nach der Schule und dem Gymnasium eine
Lehre als Schlosser absolviert hätte
und im Alter von 22 Jahren ins Kloster gegangen wäre. Er wäre mit seinem
Leben sehr zufrieden und wir fragten ihn ein bisschen über seine Lebensgewohnheiten im Kloster aus. Er erzählte uns,
dass die Mönche heutzutage nicht nur Handys, sondern auch Radios und sogar
Fernseher in ihren Zellen haben. Einen Fernseher hätte er nicht, aber ein
kleines Radio. Dafür müsse er eigentlich zur Beichte gehen.
Wir erfuhren von ihm auch, dass in den 50iger Jahren Ceauşescu alle Mönche die jünger wie 60 Jahre waren aus den Klöstern entfernen ließ. Wer sich weigerte das Kloster zu verlassen, kam mind. für 15 Jahre ins Gefängnis. Nach fast 20 Jahren wurde diese Maßnahme aber etwas enthärtet und bald entwickelte sich wieder ein normales Klosterleben.
Schließlich fragte uns Antonius ob wir in die Kirche gehen und welcher Konfession wir angehören. Als wir wahrheitsgemäß antworteten dass wir "Heiden" sind, bedauerte er das sehr für uns und wir diskutierten eine Weile, was uns der Glaube gibt - aber auch was er uns nimmt. Gott - so sagte Antonius, hätte für das Leben des Menschen mehr vorgesehen als geboren zu werden, zu wachsen, heiraten, Kinder zu zeugen und aufzuziehen und schließlich zu sterben. Das Leben wäre viel reicher!
Ich finde mein Leben auch so
ganz reich.
Leider wurde dann unser Gespräch unterbrochen und wir schauten uns das Kloster an. Mit einem Stundenbrett rief ein Mönch zur Sluşbă (Messe) und während der sakralen Gesänge hatte ich Zeit und Muse mir vor Augen zu führen, auf welchem monumentalen Gelände ich mich auch in diesem Kloster befinde. In der bereits mehrfach erwähnten Broschüre kann man über das Kloster Neamţ folgendes lesen:
Im Tal des Flusses Nemţişor in den moldauischen Vorkarpaten, einer Zone von Obstgärten und Wäldern, überragt vom Gipfel Pleşu (915 m) und dem Berg Debreanu (883 m) richtete etwa im 13. Jahrhundert ein Mönch, Nicodim, eine Einsiedelei ein - so die Überlieferung. Sicher ist, dass das Kloster die Bemühungen nachfolgender Stifter vereint, nämlich der Fürsten Petru I. Musat, Alexander des Guten und Stefan des Großen ( 14. - 15. Jahrhundert), von denen wir das "bedeutendste Kloster der Moldau" (Val. Puscariu) zum Erbteil erhielten. Die große Kirche 1497 "...viel beeindruckender als alle die Stefan bis dahin erbauen ließ, sowohl durch die Ausmaße ihres Grundriss als auch durch ihre Höhe" (N. Iorga) bedeutete den Höhepunkts des Stils, der sich in der Architektur jener Zeit eingebürgert hatte und vielen Kirchen in der Moldau als Vorbild diente.
Nach der Besichtigung des Klosters konnten wir es uns nicht verkneifen
auch noch den großen runden Buchladen vor den Toren der Klosteranlage zu
besichtigen, in dem es nicht nur
Bücher, sondern kirchliche Gegenstände jeglicher Art zu erwerben gibt. Ein
Mönch sitzt mummelig entgegengesetzt
der Tür und demonstriert lange Weile
und Desinteresse. Thomas und ich machten unsere Runde (in einem runden
Buchladen macht man wirklich und selbstverständlich eine RICHTIGE Runde) und
als wir den Laden ohne etwas zu kaufen verließen, schmetterte ich schon im
Türrahmen stehend ein fröhliches "La revedere", was soviel wie "auf
Wiedersehen" heißt, in den Saal. Die Antwort - auch la revedere - kam, als wäre
der Absender genau hinter meiner rechten Schulter. Ungläubig schaute ich mich
um und versuchte es mit einem deutschen "auf Wiedersehen" Die Antwort kam
direkt aus der Richtung meines linken Ohres. "Auf Wiedersehen!". Thomas und
ich mussten schmunzeln. Dieser
Riesensuperrundbuchladen hatte eine lustige Akustik und unser Mummelmönch hatte
mit den "Touris" viel Spaß, denn nun saß er schmunzelnd in seinem Buchverkäufersessel.
Nun wurde es aber Zeit endlich unser heutiges Reiseziel in Angriff zu nehmen. Und wenn es noch so lockt, heute keine Kirchen, keine Märkte und auch keinen Kaffee mehr, sondern fahren, fahren und fahren. Über Târgu Neamţ fuhren wir Richtung Norden und sahen, dass sich der Charakter der Dörfer verändert. Viele Dächer waren nun mit Blech gedeckt, überall gab es Schnörkel und Verzierungen und Blumen wuchsen üppig in den Gärten. Und ganz oft mussten wir Pferdefuhrwerke überholen, mit deren Hilfe die Bauern ihre Ernte nach Hause brachten.
Gegen 18 Uhr erreichten wir Gura Humorului und wenig später den
Ortsteil Manastirea Humorului, wo meine Freundin Elena zu Hause ist. Elena
kenne ich nun seit genau 10 Jahren. Während
meiner ersten Rumänienreise mit
Haiko Kühne die wir in einem Lada absolvierten der gleichzeitig auch als
Wohnwagen diente, waren wir zufällig nach Humorului gekommen. Es war Sonntag
und viele Leute liefen zur Kirche. Auf der Dorfstraße rannte eine Frau in Nationaltracht im Dauerlauf in
Richtung Kirche und Haiko sagte zu ihr "Tu eşti frumoasă, Doamnă" was soviel heißt
wie, Du bist eine schöne Frau. Elena freute sich über das Kompliment und später
trafen wir sie in der großen Dorfkirche wieder. Sie sang im Chor und deutete uns wir sollen am Gottesdienst
mit teilnehmen und dann auf sie warten. Das war doch was und so stellten wir uns brav in die Kirche. Haiko
auf die Männerseite und ich auf die Frauenseite. Ein orthodoxer Gottesdienst
ist lang. Sehr lang. Man steht die ganze Zeit und ab und zu ist man
aufgefordert sich hin zu knien und wieder auf zu stehen und gleich wieder hin
zu knien. Ich war völlig fasziniert und lies mich richtig in das sakrale Reich
entführen. Der Preot war ein stämmiger sehr bedeutend aussehender bärtiger Mann mit einer wunderschönen tiefen
Stimme. Nach dem 3-stündigen Gottesdienst passte uns Elena vor der Kirche ab
und nahm uns mit nach Hause. Ich war sofort verliebt in das Anwesen mit der
Wohnküche in der ein großer brauner Ofen stand und das
efeuberankte Zimmer, dass sie uns als Gästezimmer anbot.
Unterdessen habe ich einiges vom Leben der Familie mitbekommen. Elenas
Töchter Valerica und Stelluza heirateten und bekamen jeweils 2 Kinder und die
jüngste Tochter Viorica wurde von einem kleinen zickigen Mädchen zu einem
richtigen Star der rumänischen Volksmusik und arbeitet heute im Fernsehen u.a.
als Moderatorin diverser Sendungen im Volkskunstkanal. Und auch sonst hat sich
viel geändert. Beim ersten Besuch gab es auf dem Anwesen gar keine Toilette.
Verschämt wurde uns empfohlen diverse Geschäfte im Pferdestall zu erledigen.
Beim zweiten Besuch gab es im Sägewerk einen Verschlag mit einem hübschen
Plumpsklo drin, durch dessen Bretterwände der Wind pfiff und das mit diversen
Ausschnitten aus Illustrierten geschmückt war. Ich habe es geliebt dieses Klo
aufzusuchen, weil man sich da jedes Mal
durch Berge von Sägespänen kämpfen musste nach denen es mehr roch als nach
Plumpsklo. Vor 3 Jahren war von all dem nix mehr übrig. Die Familie ist durch
viel viel Mühe und harte Arbeit zu Wohlstand gekommen und das kleine hübsche
Haus ist in ein repräsentatives Gebäude mit Hotel umgebaut wurden. Es gibt
Zentralheizung und ein ordentliches Klo, modern eingerichtete Gästezimmer. Das
Essen wird in einem Speiseraum mit Schrankwand und geschnitzten Stühlen serviert und als Gast hat man Zutrittsverbot
in die Küche, in der nun nur noch Dumitru, der Hausherr schläft, der sich mit
der Modernisierung seines zu Hauses durch die Frauen seiner Familie immer noch
nicht so richtig anfreunden kann und jeden Abend geduldig, wenn er aus seinem
kleinen Sägewerk kommt Triaden darüber ergehen lässt, dass er sich gefälligst
sofort wenn er von Arbeit kommt umzuziehen und zu waschen hat.
Nun waren wir also an Elenas Haus angekommen. Thomas war noch nicht hier gewesen und ich wollte ihm nicht nur Elenas Familie vorstellen, sondern auch die schöne Bukowina mit den Klöstern und den hübschen Dörfern zeigen.
Zunächst war er aber sehr beeindruckt von dem grünen Neubau der nun Elenas zu Hause war. Da Elena gerade nicht da war, fuhren wir den Berg hinauf zum Kloster, wo Elena mit ein paar anderen Frauen Decken, Teppiche und diverse Souvenirs an Touristen verkauft. Es war schön als ich Elena erblickte und wir uns umarmten.
Elena unterbrach ihre
Verkaufstätigkeit, denn es war eh schon spät geworden und es würden nicht mehr
so viele Touristen in Kauflaune kommen und wir
fuhren zurück ins Haus. Zuerst machen wir einen Rundgang und bewunderten
alles was innerhalb der letzten 1,5 Jahre neu entstanden ist. Elena kann wirklich
sehr stolz sein auf das was sie mit ihrer Familie
geschaffen hat, aber ich vermisse das einfache und natürlich was das
Heim früher mal ausgestrahlt hat. Allerdings bin ich da auch sehr im Zwiespalt
und finde, dass ich nicht das Recht habe mir zu wünschen dass bei Elena alles
so bleibt wie vor 10 Jahren, nur weil ich es
schöner finde.
Nach dem Rundgang bekamen wir ein schönes Zimmer zugewiesen und während wir ein bisschen in unseren Sachen kramten und sortierten, eilte Elena um uns das Essen zu zubereiten. Das Essen bei Elena ist immer außergewöhnl